Interview mit Marion Elias über Gender, Quote und ,Vergessene Frauen'
..2017

Theresa Häfele im Gespräch mit Marion Elias über Gender, Quote und „Vergessene Frauen“.

TH: Wo sehen Sie das Kerngebiet Ihrer Lehre?
ME: Kerngebiet meiner Lehre und Theorie ist es, eine Verbindung zu schaffen zwischen KünstlerInnen und theoretischem Wissen. Ich erinnere mich sehr gut: In meiner Studienzeit, in meinem Malereistudium hat mich eigentlich nur interessiert: Wie male ich ein Bild? Was male ich usw.? Ich frage mich: Wie bringe ich andere Inhalte an die StudentInnen heran? Vor allem: wie kriege ich sie dazu, sich nicht mehr zu fürchten? Das Desinteresse an Theorie fallen zu lassen und sich auch zu wehren, in einem Diskurs mit Profi-TheoretikerInnen. Es fällt einem relativ spät ein, dass man mehr reintun wollte, als nur Farbe – das klingt jetzt etwas polemisch – und ist dann meist mit dem Studium schon fertig. Das ist schade. Ich habe immer wieder bemerkt, dass KünstlerInnen in Diskussionen gegenüber TheoretikerInnen abfallen. Entweder sie werden, sogar bei Interviews im Fernsehen, als richtige Kasperln behandelt – so, naja: so sind halt die Künstler – oder sie trauen sich nicht wirklich, diesen Standard-Sagern, diesen immer wiederkehrenden Theorien zu widersprechen oder sie in der Luft zu zerlegen. Sieht man sich die genauer an, steht oft nicht sehr viel drinnen. Das hat mich am meisten interessiert und deswegen habe ich Malerei und Theorie dahingehend verbunden. In der Lehre thematisiere ich mein Malen nicht, sondern gehe auf die Problematik und die Probleme der StudentInnen ein: Was wollt ihr von mir wissen? Was interessiert euch? Wie geht man mit dem Leben um? Welche Fragen hat die Philosophie zu beantworten? Es gibt Fragen, die kann man nicht beantworten, aber wir müssen sie stellen. Und – ich habe zeitlich damit begonnen, als das Wort „Gender“ noch keinen Klang hatte – mich mit Quellen zu beschäftigen, mit sozialem und normativem Tun. Wer ist die Gesellschaft? Die Gesellschaft sind wir alle; das heißt, wir geben uns die Regeln, die uns dann nicht passen. Oder lassen uns Regeln oktroyieren und sagen schön brav: „Jaja, das soll es sein, so soll es nicht sein“. Es geht mir um ein Aufmerksam-Machen, immer so ein bisschen bissig und gefährlich und an der Debatte dran zu bleiben.

TH: Zur Genderdiskussion: Es gibt das Gender Art Lab, wie ist das entstanden? Wie lang gibt es das schon?
Das Gender Art Lab gibt es seit 2006. Das war eine Idee, die ich immer schon mitgetragen habe. Gender ist meist ein Unterbereich eines anderen Faches. Bezüglich der Genderfrage geht es darum: Wie kann ich das mit Künstlerinnen und Künstlern bearbeiten? Das Wichtige hier ist, dass die Antworten, oder die Kommentare, zu „Gender“ künstlerische Arbeiten sind, also nicht allein die schriftliche Exegese. Im Moment arbeiten wir zum Beispiel über den Themenkreis „Vergessene Frauen“. Antworten sollen im Bereich des Bildnerischen gefunden werden, das kann eine Performance sein, ein Bild oder eine Skulptur, alles ist möglich.

TH: Wo? Im Bereich der Kunst?
ME: Im Bereich der Kunst und auch mit einem Schwerpunkt: Wir feiern nächstes Jahr 150 Jahre Angewandte, die ja einmal Kunstgewerbeschule hieß, als diese gegründet wurde. Es gab über die Jahrzehnte, über die 150 Jahre, sehr viele Frauen, die hier unterrichtet haben, die hier studiert haben, die von hier aus in die Welt gegangen sind und wichtige Arbeiten gemacht haben. Erstaunlich viele sind nicht mehr allgemein bekannt. Valie Export kennt jeder, aber damit hat es sich schon, dann gerät man ins Stocken. Sieht man genauer hin, was aus dieser Gründungsepoche in Erinnerung geblieben ist, beispielsweise die großen Designer, würde man heute sagen: Die Architekten, Maler und Künstler usw.
Absichtlich nicht gegendert, denn es sind alles Männer. Wiener Jugendstil, Sezession, die ganze Sache um die Wiener Werkstätte. Das hatte hier eine starke Verortung – Kennen Sie Vally Wieselthier?

TH: Nein ...
ME: Eben und da gibt sehr, sehr viele, die mit ihrer Arbeit in ihrer Epoche recht bekannt waren, und die nächste Generation oder übernächste löscht dann diese Erinnerung. Bei Männern passiert das nicht oder seltener und wir wissen überhaupt nicht wieso.
Mit diesem Hauptpunkt auf Frauen, die etwas mit der Angewandten zu tun haben, soll gearbeitet werden bzw. dürfen andere vergessene Frauen aber auch in Erinnerung gerufen werden. Jedes Mal, wenn ich so durchfrage: Okay, nennen Sie mir bitte Künstlerinnen.
„Ja, naja …vielleicht ...“, wenn ich Glück hab, kommt Camille Claudel.
Das sind alles Sachen, die nicht mehr tradiert werden. Die Qualität ist ja durchaus gegeben, das passiert auch in anderen Bereichen. Ich habe mich in letzter Zeit mit Josef Maria
Auchentaller beschäftigt, den kennen auch wenige. Auchentaller war ein Zeitgenosse Klimts, in der berühmten Beethoven-Ausstellung hatte er die Vis-à-vis-Wand vom Klimt-Fries. Auchentallers Frau hat in Grado, damals noch österreichisches Küstenland, eine der ersten Pensionen bauen lassen und damit eigentlich den Tourismus mitbegründet. Diese Frau kennt heute kein Mensch mehr. Was sie geleistet hat, ist völlig in Vergessenheit geraten, aber mit dem Plakat von Auchentaller wird heute noch in Grado geworben. Er ist später auch in Wien völlig in Vergessenheit geraten. Oder – wenn ich jetzt weiter an sie anschließe, Emma Auchentaller-Scheid, sie hat 1902, dieses Haus, Fortino hat es geheißen, gegründet. – Wie hat sich unsere Art zu Urlauben geändert? Was ist da sozial passiert? Was erwarte ich heute von einem Urlaub? Die ganzen fürchterlichen Sachen, mit … Club Irgendwas … oder All Inclusive, dass man sich bedüseln kann, von vorne bis hinten.
Ich sage immer „bewegtes Fleisch“: Und jetzt machen wir alle dieses und alle jenes ...
Früher hieß es ja Sommerfrische. Was hat sich da verändert? Früher war es eine Fortsetzung von der Arbeit und von der Debatte in Wien. Die Leute haben sich an gewissen Orten, in denselben Cliques wieder getroffen. Es geht, wie gesagt, um vergessene Frauen, mit dem Hauptaugenmerk auf der Angewandten. Wir bemühen uns alle paar Jahre eine Ausstellung zu machen, sowohl in unserem Ausstellungszentrum, im
Heiligenkreuzerhof, wie im Haus Wittgenstein, das ich besonders liebe, ein wunderbarer Bau– das gehört der Bulgarischen Botschaft, aber wir sind ab und zu auch dort.

TH: Das Gender Art Lab kann man das so verstehen als eine Art Plattform oder community, da steht etwas von hundert Teilnehmerinnen?
ME: Ja, wer seit dem ersten Mal dabei ist, wird notiert und wird immer wieder eingeladen zu Ausstellungen, teilzunehmen, aktiv teilzunehmen. Ich habe das Haus gebeten, dass auch die Absolventinnen und Absolventen nicht verschwinden; wenn sie mögen, können sie weiterhin gerne teilnehmen. Es wäre einfach schade, zu sagen: „Ja, jetzt haben wir miteinander gearbeitet und jetzt bist du weg und kommst nie wieder.“ Es soll eine Art von Club sein, wo man dabeibleiben kann, wenn man möchte. Das ist sehr spannend, also, wenn Leute, die voll im Berufsleben stehen und Leute, die noch in der Ausbildung sind, … die können sehr gut miteinander. Das Wichtige ist bei den Ausstellungen: Wir jurieren nicht aus. Also es gibt ein Thema und dann bitte ich um eine kurze Vorstellung der Arbeit und damit hat es sich. Es wird nicht gesagt: „Das gefällt mir nicht oder das ist nicht gut genug.“ Deswegen ist es so bunt und multidisziplinär. Das kommt bei den Ausstellenden und bei den BesucherInnen besonders gut an.

TH: Ich habe jetzt vor kurzem eine von der TransArts-Plattform organisierte Austellung UN_Universität oder UN_University im Heiligenkreuzer Hof besucht …Ich erinnere mich an Beiträge die eine kritische Haltung zu einem etablierten Bildungssystem einnehmen. Wenn man bewusst nicht kuratiert, ist es dann auch ein … ein Öffnen der Universität …
ME: Ja, wir haben immer noch Zulassungsprüfung bei uns, aber eigentlich eher aus Platzgründen. Pro Klasse bewerben sich bis an die achtzig Personen, wo sollen die arbeiten? Die sollen ja in den Ateliers aktiv arbeiten. Dieses Kuratieren … ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da haben sie an den Ausstellungen gesehen, aus welcher Klassen die Leute sind – und das sollte nicht sein, wird manchmal aber schon noch so gesehen. Oder: Dass die Assistenten das letzte Wort haben, ob etwas ausgestellt wird oder nicht. Oder: Es kommen die Lieblinge in den Katalog und die andern nicht. Genau gegen das bin ich 1995 angetreten, mit den ersten Ausstellungen, als ich noch in einem Klassenatelier mitgearbeitet habe. Es kann nicht sein, dass man Leute so einschränkt.

TH: Die Genderfrage ist eigentlich ein Thema, das nicht nur die Frauen angeht. Wie ist das Verhältnis, bei dieser Plattform, der Anteil an Frauen?
ME: Also, wir haben weder einen Männer- noch einen Frauenüberschuss, geschätzt: 50:50 – es ist wirklich ausgeglichen momentan. Bei diesen Seminaren „Gender_ANLÄSSE„ habe ich öfters schon gehört, da kommen dann zum ersten Mal auch StudentEN (!) dazu, die sagen: Das ist ja eigentlich nett, da kann ich auch mitdebattieren, das ist ja nicht so, dass hier von einer Seite her ein Feindbild gegen das andere gesetzt wird. Viele StudentEN (!) haben immer noch Angst davor, dass es heißt „Gender-Feminismus-Vorlesung“. Wenn ich es also wörtlich nehme, zitiere ich Johanna Dohnal, die gesagt hat: Es geht nicht um eine männlichere Zukunft oder um eine weiblichere Zukunft, sondern um eine menschlichere Zukunft. Genau das habe ich mir gedacht. Es wird sehr gut aufgenommen und ich freue mich sehr, dass wir ein relativ ausgeglichenes Verhältnis zwischen Studentinnen und Studenten haben oder Absolventinnen und Absolventen. Neulich habe ich alte Fotos durchgeschaut und mir ist wieder positiv aufgefallen, weder einen Jungs- noch Mädchenverein zu haben, so wie es rechtlich sein sollte.

TH: In meinem Projektvorhaben, im Zuge des Margarete-Schütte-Lihotzky-Stipendiums, geht es auch darum, eine Lücke in der Architekturgeschichte zu schließen. In diesem Falle sind es die Frauen, die unterrepräsentiert sind, da sie eben nicht im Lehrplan oder in großen Publikationen aufscheinen. Das wird eher nur vereinzelt aufgearbeitet. ... Ich stelle fest, es ist sehr oft ein Extrathema: Ja, die Frauen in der Architektur …
ME: Das ist ein Problem. Ich kenne das auch ganz allgemein in der Kunst: Frauen in der Kunst … und dann der nächste Satz: ist Frauenkunst. Oft heißt es auch, es gibt keine Frauen- oder Männerkunst, sondern nur Kunst oder keine Kunst. Also gibt es für mich auch nur Architektur. Es heißt immer, erst vor kurzem habe ich das wieder gehört: Ja, also Frauen haben diese speziellen Eigenschaften oder jene speziellen Eigenschaften. Und dann sitz ich da und denke mir: Ja, und wenn du weitersprichst, Mädchen, dann fällst du in eine Falle hinein. Weil das ist das, was wir genau unterscheiden: Was sind männliche und was sind weibliche Eigenschaften? Das ist ja nur ausgemacht. Das stimmt ja nicht: Frauen sind sensitiver. Alle? Eine Frau gleicht der anderen? Und ein Mann gleicht dem anderen? Das ist diese kulturelle Falle, die wir selbst seit langem tradieren, dass wir die Eigenschaften „männlich“ und „weiblich“ besetzt haben. Das geht in der Kunst nahtlos weiter. Also: Frauen bauen vielleicht eine andere Art von Architektur? Vielleicht eine sensiblere? Vielleicht eine für Frauen geeignetere? Hoppla, auf welchem Weg sind wir da? – dass die Lihotzky etwas entwickelt hat, was meist von Frauen genutzt wird, nämlich die klassische Küche, halte ich für eine Zufallsidee, sie ist nicht weiblich, sie ist nicht männlich, sie ist genial. Wir müssen – das ist das Unangenehme, und das ist der Punkt – wir müssen immer wieder auf Frauen hinweisen, da es sich noch nicht normalisiert hat, dass Frauen in allen Teilen der Gesellschaft wichtige Leistungen erbringen. Es geht immer wieder zurück, immer wieder müssen wir darauf hinweisen: Das, was unsere Mütter und Großmütter erkämpft haben, das ist gerade wieder einmal in Gefahr gelöscht zu werden. Vorsicht! Ich habe vor zwanzig Jahren gehofft, dass ich jetzt – zwanzig Jahre später in die Zukunft gesehen – gewisse Dinge nicht mehr betonen müsste, was den Umgang mit Frauen betrifft. Oder: Der Johanna-Dohnal-Preis. Dass ich nicht mehr sagen muss: Hallo, denkt doch bitte mal drüber nach: Was war eigentlich die Frankfurter Küche … Immer wieder, immer noch mehr. Wie viele Denkmäler gibt es? Im Säulengang in der Universität Wien – für Frauen? Wenn man diese Büsten und Plaketten sieht, wie vieler Frauen wird dort gedacht? Einer! Marie von Ebner-Eschenbach. Das ist der Wahnsinn, eine einzige!

TH: Eine einzige auf der Universität … Auf der Uni, da hab ich oft das Gefühl, die Studenten, Studentinnen sind gleich auf, wenn man sie bewertet und haben dieselben Chancen. Im Laufe der Karrierelaufbahn gehen viele Frauen aber verloren; das hat bestimmte gesellschaftliche Gründe … und nun eben meine Frage: Wie könnte man hier die Frauen unterstützen? Ich nehme jetzt einmal an, auf der Uni ist noch so eine Gelegenheit.
ME: Ja, wir haben bereits auf der Uni das Problem: First in, First out. Wir haben relativ viele Studentinnen, die beginnen, und die sind eher davon gefährdet, dass sie dann das Studium nicht beenden. Es gibt relativ viele Abschlüsse mit Diplom, beim Doktorat schon weniger und bei der Habilitation ist die Zahl verschwindend klein. An und für sich bin ich gegen Verordnungen, aber ich glaube, dass es nicht anders geht als über gesetzliche Regelungen. Ein wichtiges „Must“ auch in Architekturbüros: eine gewisse Anzahl von Architektinnen muss aufgenommen werden. Punkt, basta. Anders, als über gesetzliche Regelungen, geht es leider nicht. Es wäre schön, wenn man einfach sagen könnte: Mensch, überleg doch mal, aber das hat keinen Sinn. Ich habe einmal mit einem Studenten aus dem Iran sehr provokativ debattiert, ein Mensch, der sehr treffliche Anschauungen hatte, es ging, um die Frage: Okay, was könnte man tun, damit es die Situation für die Frauen im Iran verbessern könnte? Er selber sagte: „Ganz einfach Gesetze schaffen, dass jemand, der Frauen benachteiligt oder schlägt, bestraft wird.“ Im Iran hat es geklappt. Er meint, anders als über Gesetze wird es nicht funktionieren. Das war eine heftige Aussage, aber anders scheint es wirklich nicht zu gehen. Vom Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen bin ich in sehr vielen Gremiensitzungen und muss immer noch erinnern: Hoppla, das ist keine 40-%-Quote in der Zusammensetzung. Bei uns im Haus hat es sich durchaus rumgesprochen und ich sehe auch, dass das gut ankommt, das ist eigentlich bei uns relativ friktionsfrei.

TH: Professorinnen und Lehrende, die sich auf eine Stelle an der Uni bewerben … gibt es hier in der Parität eine Zielsetzung durch die Wissensbilanz oder auch eine eindeutige Quote?
Genau. Wir haben letztlich ein paar Stellen ausgeschrieben, wo sehr viele Männer betraut wurden. Die waren aber nun mal leider die besten Bewerber und selbst der Rektor hat jetzt für sich beschlossen, die nächsten Besetzungen werden mit Frauen vorgenommen. Wir wollen uns auf keinen Fall einer Quote nähern, die unserem Jahrhundert nicht mehr angepasst ist. Es geht nicht anders als mit Quoten und immer wieder hinschauen! Wenn man erklärt: Braucht man nicht. Es ist eh alles in Ordnung und ist eh alles normal, dann sind wir bald wieder
zehn Jahre zurück.

TH: In Sachen Vermittlung, sehe ich hier sind Sie auch involviert in das Programm Kinderuni …
ME: Ja! Kinderuni haben wir jahrelang gemacht. Jetzt sind wir ein bisschen zu alt und zu müde dazu. Und es fällt in eine Woche, wo ich gerade anderswo zu tun habe. Man sollte mit Kindern schon ganz anders im künstlerischen Bereich arbeiten. Was in den Schulen gemacht wird, ist nicht immer ideal. Der Zeichenunterricht ist das Unwichtigste überhaupt, soll sogar bis zum Geht-nicht-mehr eingekürzt werden. Das schmerzt und ist fatal. Die wichtigsten Fächer in den Grundschulen sind Zeichnen, Musik und Turnen. Das fördert die Intelligenz und die Beweglichkeit; der Rest ist gar nicht so wichtig, aber das wird nicht gemacht. Wir hatten hier an der Angewandten einen ganz berühmten Kunsterzieher, Jugendkunst-Erfinder, nämlich den guten Herrn Čižek. Dieser Tradition verpflichtet, haben wir die Kinderuni immer wieder gemacht. Das Potential von Kindern muss man ein bisschen anregen, sie haben ja eine wahnsinnige Phantasie und sind großartig. Manchmal muss man ihnen nur die Hello Kitties, oder wie das ganze Zeug heißt, abgewöhnen, damit sie nicht nachmalen, was sie irgendwo auf ihrem Federpenal haben. Es ist eine großartige Geschichte, mit Kindern zu arbeiten, das ist die nächste Generation. Es soll nicht eine Generation sein, die sagt: „Naa, ich will mit Kunst nichts zu tun haben, ich versteh nichts von Kunst.“ Die Kinder, die zeichnen alle … Wo kommen die hin? Es gibt nicht so viele zeichnende Erwachsene; es muss nicht unbedingt jeder Künstler oder Künstlerin werden und daher ist die Arbeit mit Kindern extrem wichtig;
Nur, wir waren dann mit dem „Sozialen Mix“  nicht mehr so zufrieden, sagen wir einmal so. Ein paar Ideen sind geklaut worden, es ist aber enorm wichtig, gerade auch schon in dem Alter von – ich weiß nicht – 6, 7, 8 Jahren Kinder zu fördern. Auf keinen Fall, ihnen etwas vormalen, auf keinen Fall ihnen was in die Arbeit reinmalen! Aber richtig: Mach zwei Striche … und alles ist fertig. Also, alles nur über Gespräche, wir haben tolle Ergebnisse gehabt. Wunderbare Bilder.

Marion Elias ist eine österreichischeMalerinGrafikerin und Philosophin

Mag.art. Dr.phil. habil. Marion Elias studierte von Malerei und Graphik an der damaligen Hochschule, heute Universität für angewandte Kunst Wien. Ab 1993 war sie als Lehrbeauftragte, 1995 als Universitätsassistentin und 2005 als Professorin am Institut für Bildende und Mediale Kunst tätig. 2003 absolvierte sie auch ein Doktoratstudium der Philosophie. Im Oktober 2008 habilitierte sie im Fach Kunst-Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Seit 2005 hat Elias den Vorsitz des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen. Seit März 2009 ist Elias als ao. Univ.-Prof. aktuelle Leiterin der GAL (Gender Art Laboratory) der Universität für angewandte Kunst.

Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

Theresa Häfele_Wien_ 2017

Interview mit Gabu Heindl über das Sozialpolitische Moment in der Architektur
..2017

Theresa Häfele im Gespräch mit Gabu Heindl über das gesellschaftspolitische Moment in der Architektur.

 

TH: Wie bist du zur Architektur gekommen?

GH: Bei mir war Architektur die erste Wahl. Ich hätte Mathe studieren können oder Kunst und habe mir gedacht, die beste Kombination von beidem ist Architektur, das ist mathematische Kunst oder technische Form des Zeichnens. Motiviert wurde ich durch einen Zeichenlehrer, der auch Kontakte hatte zur Akademie und zur Angewandten. Als ich sah, was da an Fächern angeboten wurde, war mir bald klar, dass ich nicht Kunst machen wollte, sondern Architektur. Wahrscheinlich hat mich immer schon das Praktische daran fasziniert bzw. das Bauen, also die Alltagsrelevanz der Architektur, im Gegensatz zur elitären Position der Kunst.

TH: Du baust, schreibst Texte, machst auch Filme und Ausstellungen. Siehst du das alles als gleichwertig?

GH: Ja, eigentlich schon. Ein guter Text hat genauso räumliche Struktur, Argument, Ausarbeitung und Detaillierung wie ein gutes Gebäude. Es ist aber anders in der Methodik, in den Mitteln und im Zeitablauf etc. Ein großer Unterschied besteht darin, dass man Texte allein schreiben kann, Architektur hingegen nichts ist, das man allein macht, und das ist auch gut so. Sie ist eine kollektive Tätigkeit; dementsprechend beinhaltet sie ganz andere Kommunikationsformen. Dennoch würde ich beides vom Anspruch her ähnlich sehen.

TH: Bezüglich Frauen in der Architektur: Gibt oder gab es für dich so eine Art Role Model oder Vorbildfigur?

GH: Ja, ein Role Model ist für mich Margarete Schütte-Lihotzky. Ich hatte das unglaubliche Glück, als ihre Untermieterin neben ihr zu wohnen und sie in ihrem hohen Alter gut kennenzulernen. Wir waren Freundinnen. Ich glaube, dass ich schon davor gesellschaftspolitisch interessiert war - Grete hat sich ja auch ausgesucht, wer neben ihr wohnt. Sie hat mich aber sicher noch darin bestärkt, Architektur und Politik zusammenzudenken; und gerade nicht das, was man als Zivilperson gut fände, davon zu trennen, wie man in der Architektur agiert. Also sich nicht spalten in das eine oder andere, sondern die gesellschaftspolitischen Fragen als immer präsente zu verstehen, von denen sich viele im Bauen, im Planen, in der Vermittlung von Architektur zeigen.

TH: Wie steht es um die politische Haltung in deinem Beruf?

Ist es spürbar, dass Bauen auch Politik bedeutet? Gerade, wenn es um den öffentlichen Raum geht, Themen wie: Raum einnehmen und Raum gestalten, aber auch wenn es um leistbaren Wohnraum geht ...

GH: Ich glaube, dass es zur Zeit sehr deutlich ist, wie stark sich eine Ökonomisierung des Alltags auf den öffentlichen Raum, auf das Gebaute, auf die Stadtplanung schlägt. Im Moment ist der gebaute Raum das, was man früher das Sparbuch genannt hätte. In Zeiten vielfacher Krisen ist für diejenigen, die aus diesen Krisen als Gewinner hervorgehen, wichtig, ihr Kapital anzulegen – und das vor allem dort, wo wir als Architektinnen tätig sind. Insofern ist es für Architektur und Stadtplanung extrem relevant, in einem größeren Kontext Alternativen aufzuzeigen gegen die Neoliberalisierung, gegen den Ausverkauf von öffentlichem Raum, überhaupt gegen Ungleichverteilung. Ungerechte Verteilung passiert eben stark über Raum. Und insofern will ich gar nicht verstehen, warum jemand unseren Beruf als einen beschreiben würde, der bei all dem nicht mit-tätig, "mitschuldig" oder  zumindest nicht unschuldig ist.

TH: War dir von Anfang des Studiums an der gesellschaftspolitische Fokus schon bewusst?

GH: Nein, wer würde denn als 18-Jährige sagen: Ich muss Architektur studieren, weil ich politisch etwas ändern möchte? Ich denke, dass es möglicherweise derzeit eine verschärfte Situation gibt, eben durch die Umsetzung von Akkumulationsgewinnen in gebaute Umwelt. Ich beziehe mich dabei auf Leute wie David Harvey, die beschreiben, wie sehr sich das im Städtebau äußert. Mich interessiert ein kritischer, nicht nur offener, sondern nachgerade linker Blick auf Architektur und Stadtplanung, aber auch zu erkennen, dass Architektur teilweise wiederum keine Relevanz hat. Eine umfassendere politische Mitgestaltung ist uns ArchitektInnen ja genommen, oder, besser: Wir haben sie uns aus der Hand nehmen lassen. Man muss schon Interesse haben, zu verstehen, was die politischen Implikationen sind, warum die gebaute Umwelt so aussieht wie sie aussieht, um entweder nicht mitzumachen oder um Alternativen vorschlagen zu können, jedenfalls zu wissen, was man macht.

TH: Du unterrichtest auch auf der Universität, wie nimmst du die Haltung unter den StudentInnen wahr?

GH: Ich nehme wahr, dass es ein totales Interesse daran gibt. Das hat vielleicht auch mit meinen Lehrveranstaltungen zu tun, die sich explizit mit Fragen von Macht in Bezug auf Raumproduktion auseinandersetzen. Ich könnte jetzt nicht beurteilen, ob da mehr oder weniger davon notwendig wäre. Sicher ist: Die Universitäten haben sich in ihrer Verschulung stark dorthin entwickelt, zu fragen wie Probleme oder Aufgabenstellungen zu lösen sind. Und es geht weniger um die Frage: Warum eigentlich? Für wen wird geplant? Was sind die grundsätzlichen Fragestellungen? Das versuche ich meinen Studierenden mitzugeben, dass sie neben dem "Wie" der Lösung nicht vergessen zu fragen: „Was“ und „Warum eigentlich“.

TH: Hast du den Anspruch, Positionen von Frauen in die Lehre mitaufzunehmen? Bzw. passiert das?

GH: Es sind nach wie vor zu wenig Frauen in der Lehre! Ich habe auch den Anspruch, soweit es mir gelingt, keine rein männliche architektonische Geschichtsschreibung zu machen. Das ist schwierig, weil ich merke, dass viele meiner Referenzen auf Grund von hegemonialen Strukturen logischerweise kluge Männer sind. Wir wissen, dass die Geschichte sich immer stärker mit Männern und deren Positionen, auseinandergesetzt hat. Vor kurzem habe ich einen Vortrag der Architekturhistorikerin Hilde Heynen gehört, und mir ist am Ende aufgefallen, dass sie ausschließlich Frauen zitiert hat. Das war großartig, auch weil es überhaupt nicht offensichtlich war und doch irgendwann klar geworden ist: ein spannender Vortrag mit durchgängig ungewöhnlichen Referenzen – eben nicht männlich und nicht Mainstream-Positionen. Das fand ich super. Es muss jetzt nicht sein, das zu 100% zu machen, aber ich glaube, dass es in aller unserer Verantwortung liegt, einer hegemonialen Geschichtsschreibung entgegenzuarbeiten oder das ein Stück weit gutzumachen, was bislang immer weitergeschrieben wird.

TH: Das manifestiert sich ja dann.

GH: Ja, es multipliziert sich und potenziert sich.

T: Ist dir das „nicht offensichtlich” wichtig? Es gibt ja Veranstaltungen, die speziell einen frauenpezifischen Schwerpunkt setzen, wo der Fokus eben ausschließlich auf Frauen gelegt ist.

GH: Das ist eine gute Frage. Mein Hauptthema ist nicht „Gender Politics“ oder „Frauen in der Architektur“, auch deswegen nicht, weil ich Feminismus grundsätzlich verstehe. Logischerweise bin ich Feministin, verstehe es aber als eine klare Forderung, die Welt weder zu sehen noch zu gestalten unter Ausschluss von: sei es von Minderheiten oder der Hälfte der Menschheit. Mich stören Veranstaltungen, Diskussionen, Rezeptionen von Architektur, wo ausschließlich Männer sprechen oder ausschließlich weiße AkademikerInnen oder aus jeweils entsprechenden Mehrheitsverhältnissen. Es kann nicht sein, dass man über die Frage „Wem gehört die Stadt?“ diskutiert und nur weiße Männer am Podium sind. Ich kann nur Feministin sein, wenn ich ein grundsätzliches Verständnis davon habe, dass es darum geht, sich für jede Form von ausgeschlossener Minderheit einzusetzen.

TH: Du leitest ein Büro, wie ist da die Aufteilung Männer /Frauen? Ist das für dich ein Thema?

GH: Im Moment sind wir nur Frauen. Es ergibt sich aus der Erfahrung heraus, dass ich gut und gerne mit Frauen arbeite. Aber es hat schon Momente gegeben, wo im Team zwei Drittel Männer waren über längere Zeit. Es ist in der Tat kein großes Kriterium, allerdings geht es mir schon darum, junge Frauen zu unterstützen. In Büros wie meinem hat frau gute Chancen, tatsächlich unmittelbar in Projekte einzusteigen.


TH:  In vielen Büros ist es dann doch eher männerlastig ...

GH: Es stellt sich da immer die Frage: Wer ist Teil des Teams? Mit wem möcht' ich kooperieren? Wer sind die GesprächspartnerInnnen? Was sind die Referenzen? Das sind alles relevante Fragen in einer – das kann man nicht anders sagen – nach wie vor männlich strukturierten Architekturgesellschaft. Vielleicht erwarten sich Büros Vorteile dadurch, dass sie junge Männer statt junge Frauen auf Baustellen schicken. Ich finde es auch immer amüsant, wenn Bauherren, die es auch öfter gibt als Baufrauen, „meine Damen“ schreiben, sie sind kurz verblüfft, dass es nicht um die übliche Anrede meine „Damen und Herren“ geht, ich glaube, das taugt ihnen dann auch.

TH: Wie schaffst du es, ein Büro zu leiten, auf der Uni zu unterrichten, Texte zu schreiben etc.?

GH: Ich habe eine Siebentagewoche – was schon auch anstrengend ist. Im Büro selbst habe ich aber in den letzten Jahren eine Viertagewoche eingeführt, das kriegen wir jetzt zwar nicht immer, aber meistens ganz gut hin. Als ich in Holland war, haben das viele bis heute weltbekannte Büros so gehandhabt – und das wird immer wieder als generelles Zukunftsmodell diskutiert. Montag bis Donnerstag arbeiten wir länger, manchmal ist der freie Freitag nicht möglich, weil es dann doch Termine oder Fertigstellungen gibt. Aber Zeit zu haben, um konzentriert einen Text zu schreiben, um zu lesen und zu recherchieren, ein Konzept weiterzuentwickeln, einen Entwurf zu überdenken, ist im Büroalltag oft nicht so leicht. Ich glaube, man muss Formen und Freiräume finden, wie man die einzelnen Tätigkeiten zueinander produktiv macht.

TH: Arbeitet ihr sehr flexibel, du und deine Mitarbeiter, auch wenn ihr ein anderes Zeitmodell habt?

GH: Nein, ich glaube, eine formale Setzung ist schon wichtig. Wir fangen immer zu ähnlicher Zeit an, meist sind es schon acht bis neuen Stunden, die wir sehr konsequent, ruhig und konzentriert arbeiten. Mit einem total flexiblen System habe ich nicht so gute Erfahrungen. Ich mag so gewissen Formsetzungen schon, weil sie dann doch das gemeinsame Arbeiten leichter machen, und manchmal sind Formalisierungen dazu da, um auch wieder Freiräume zu schaffen.

TH: Gab es auch die Überlegung, das Büro mit einem Partner oder einer Partnerin zu führen?

Ich habe ganz am Anfang zwei Partner gehabt. Ich habe mich in Holland selbstständig gemacht, da hatte ich eine Partnerin. Wir wollten damals, als ich nach Wien zurückgegangen bin, das Büro international weiterführen. Sie ist aber dann „fremdgegangen“ (lacht) und hat sich einen holländischen Partner gesucht und ja ... Ich habe die wahrscheinlich Partner-entscheidenden Jahre nicht in Wien verbracht, da ich ja drei Jahre in Amerika und drei Jahre in Holland war und erst dann zurückgekommen bin. Das sind ja oft die Jahre, in denen sich Teams bilden.

Ich finde es sehr produktiv, themenbezogen Partnerschaften einzugehen, mal mit KünstlerInnen, mal mit ArchitekturkollegInnen, mit anderen Disziplinen oder transdisziplinär zu arbeiten. Das Alleine-Führen des Büros hat Nachteile, aber auch Vorteile: Es kann schon echt kompromisslos sein in der Themenwahl, in der Projektwahl, in der Gestaltung dessen, womit wir uns beschäftigen, das ist eigentlich ganz gut. Aber klar, in Zukunft wird es schon auch wieder eine Partnerin geben, ein Partner ist aber auch nicht ausgeschlossen.

TH: Wie wichtig sind dir Netzwerke? Du hast viele ProjektpartnerInnen, die auch in anderen Disziplinen tätig sind. Wie vernetzt du dich bei größeren Aufträgen, wo man auch Partnerschaften bildet?

GH: Die Netzwerkbildung läuft eigentlich vor allem über inhaltliche Zusammenarbeit. Ich bin eine intensive Teilnehmerin am öffentlichen Diskursleben, gehe gern zu Vorträgen, organisiere sie auch gern, ebenso Diskussionen; ich mag das lieber als nur Biertrinken zu gehen, treffe dort Leute und führe interessante Gespräche. Grundsätzlich mache ich lieber nicht zu viele Projekte und bin dafür daran selbst intensiv mitbeteiligt. Also das Modell, ein großes Büro aufzuziehen, mit fünf Unterorganisationen, das sehe ich eigentlich nicht. Ich schätze es sehr, dass es in Österreich, auch in Mitteleuropa, noch eine Baukultur gibt, die es möglich macht, dass sehr viele kleinere Büros tätig sind, die unterschiedliche, große und kleine, Projekte machen können, dass es nicht per se abhängt vom Umsatz oder der Größe des Büros, aber leider geht die Entwicklung in eine andere Richtung. Wir müssen daher diese Qualität verteidigen. Es ist übrigens auch eine Qualität für die Bauherren, dass sie eben wissen, wenn sie mit mir was planen und bauen, dann bin ich als Büroinhaberin genauso beteiligt, wie das Team, das daran arbeitet. Bei größeren Projekten tut man sich halt zusammen, wenn die Bürostrukturen größer sein müssen, aber ich hoffe sehr, dass diese spezifische baukulturelle Bürolandschaft zu halten ist.

Ich war ja auch längere Zeit im Architekturbeirat von der BIG, der Bundesimmobiliengesellschaft, und fand es großartig, wie der damalige Leiter in einem Vortrag über die letzten fünfzig öffentlichen BIG Schulwettbewerbe gezeigt hat, dass 47 davon jeweils von einem anderen Büro gewonnen wurden und das heißt, wahrscheinlich um die dreißig oder vierzig Projekte von einem Büro, das noch nie eine Schule gemacht hat. Das ist großartig: Der öffentliche Auftraggeber, dessen Schullandschaft eine heterogene ist, beschäftigt eben gerade nicht nur das große, spezialisierte Büro, das alle diese heterogenen Projekte runterklopft. Das finde ich gut und schön, wenn mit einem gewissen Selbstbewusstsein die kleineren, vielleicht dafür auch flexibleren, jedenfalls intensiveren Strukturen wertgeschätzt werden und es auch klar artikuliert wird, was für einen Wert sie schaffen.

TH: Thema: Frauen & Arbeit. In den 20-er Jahren befand sich die Gesellschaft in einem krassen Umbruch. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Und man kennt ja das Bild der Trümmerfrauen 1945 ... Nach dem Krieg kommen die Männer zurück und wollen ihre Arbeitsplätze und ihre Hausfrauen wieder. Erwerbstätigkeit war immer auch politisch, Unabhängigkeit durch eigenen Lohn. Die Industrialisierung, die Erwerbsarbeit für Frauen im großen Stil möglich machte. Fragen nach Erwerbstätigkeit und wer ist für Familie und Kinder zuständig, beschäftigen uns in diesem Zusammenhang schon ein ganzes Jahrhundert! Wie sieht es heute damit aus, wo stehen wir?

GH: Du meinst, dass es heute eher um Lifestyle oder um Fragen der Selbstverwirklichung geht? Die Frage für mich ist, wie Feminismus verknüpft wird mit Klassenfragen, mit Migrationsfragen, mit grundsätzlichen Ungerechtigkeitsthemen, mit Ungleichverteilung: Denn wenn diese Fragen nicht im Feminismus eingebettet ist, geht es zu schnell darum, ob ich mich verwirklichen kann als Frau. Das ist selbstverständlich auch relevant, aber es geht eben nicht nur um mich in der eigenen Community oder um die eigene Peer Group, sondern um eine Form von Allianz für einen größeren öffentlichen Kampf, der gemeinsam artikuliert wird. Das bringt uns automatisch über die eigenen Interessen hinaus. Wo sind strukturelle Ungerechtigkeiten oder strukturelle Formen von Diskriminierung? Das bringt dann vielleicht auch meine eigene Position wieder in ein klärendes Licht: OK, meine Position als Architektin ist nicht die schlimmste, nicht die prekärste. Sie ist prekär innerhalb des Feldes (daher ist das Gendering im Namen der Kammer ein großer repräsentativer Schritt!), aber erst die Allianz mit anderen, oft schärferen Diskriminierungen größeren Maßes und existenziellen Schwierigkeiten, bringt Politik ins Spiel. Letztlich ist ja auch Architektur nie ein Fach, wo es darum geht, eigene Vorlieben umzusetzen; da wäre ich ja falsch besetzt als Architektin. Ich zwinge niemandem blaue Möbel auf, weil ich gerade in einer blauen Phase bin. Eine ästhetische Haltung ist natürlich essenziell in der Architektur, aber nicht eine künstlerische Persönlichkeit, die sich verwirklichen muss.

TH: Warum verdienen Männer mehr? Oft ist es ja auch so, der Mann arbeitet, weil er mehr verdient.

GH: Ja, warum sollte die Stunde des Mannes wertvoller sein als eine Stunde der Frau?

Beide arbeiten eine gleiche Stunde ihres Lebens. Diese Frage ist natürlich eine total politische Frage, die aber sofort auch weitergedacht werden muss: Warum haben Geflüchtete nicht den selben Anspruch in der Entlohnung, auf Arbeit überhaupt? Auf dieselbe Form von Arbeitslosenversicherung? Es gibt Zuschreibungen von Rechten und Pflichten, die total unterschiedlich sind und eben nicht jeden Menschen gleich behandeln. Bei Frauen betrifft das sozusagen wirklich die Hälfte der Menschheit.

Ich freue mich über ein Projekt wie deines, weil es viel zu wenige davon gibt, viel zu wenig wirklich selbstbewusstes Fragen, warum es selbst in einem Beruf wie dem unseren – in der Architektur, Stadtplanung usw., der sich selbst als intellektueller Beruf versteht, als sensibler – ja warum es auch da, vielleicht noch mehr als in anderen Berufen, so unterschiedliche Bewertungsformen gibt, strukturelle Ungleichheiten, Bündnisse, machtvolle Auftrags- und Vergabestrukturen; insofern ist es gut, auch genau in der Architektur hinzuschauen.

TH: Zum Thema Role Models: Hier könnte man ja einen positiven Hebel ansetzen. Wenn man als junge Frau sieht, dass Frauen in jedem Bereich der Gesellschaft vertreten sind und auch in den oberen Etagen mitbestimmen zum Beispiel auf den Unis als Professorinnen, dann wäre es ja für die nächste Generation etwas Selbstverständliches ... also eine positive Sozialisierung.

G.H.: Wo gibt es die ersten Role Models? Es ist nicht erklärbar – also es ist leider erklärbar, aber nicht zu akzeptieren – , dass an den Universitäten nach wie vor deutlich mehr Professoren als Professorinnen tätig sind; dass es nach wie vor Prüfungssituationen gibt, wo eine Mehrzahl von Studentinnen vor ausschließlich Männern ihre Projekte präsentieren. Man muss Quoten einführen, die letztlich nichts Anderes machen als Frauen die gleichen Chancen zu geben wie Männern: nämlich auch "on the job" zu lernen und sich weiter zu qualifizieren. Du wirst nur erfahrener, in dem du die Dinge auch machst. Sie zu machen, heißt auch die Chance zu kriegen, sie zu machen.

Ja und insofern sind Rollenbilder total wichtig und ich wünsche auch jeder jungen Architektin eine ähnliche Erfahrung wie meine, also so jemand wie Schütte-Lihotzky kennenzulernen. Es muss ja nicht gleich eine Person mit einer so extremen Biographie sein, aber ich glaube, jede loyale Beziehung oder Freundschaft mit anderen Frauen, die man schätzt und umgekehrt, kann viel bringen.

Der Alltag zeigt uns ja die ganze Zeit, dass es selbstverständlich darum geht, kooperativ zu sein. Sich als Feministin zu verstehen heißt ja nicht notwendigerweise jetzt eine Kampftruppe zu organisieren, die solange trommelt, bis – auf den Cent – das gleiche Gehalt für alle erreicht ist. Wäre schön, wenn es die auch gibt, hätte ich nichts dagegen – aber es heißt ja sicherlich auch, sich in Arbeitszusammenhängen zu verstehen, die eben mit weniger dominanten Strukturen zu tun haben, die grundsätzlicher mit Freundschaft als Möglichkeit zu tun haben, mit Formen von Kollegialität und Solidarität. Es ist kein Zufall, dass sich Schütte-Lihotzky nach dem Zweiten Weltkrieg in internationalen Frauenbewegungen stark gemacht hat. Sie hat gemerkt, wie sehr ihre eigenen Möglichkeiten, aber auch Nicht-Möglichkeiten nach wie vor in starkem Gegensatz zu einer globalen Verteilungsgerechtigkeit und globalen Frauenrechten stehen, und das hat sie dann explizit gemacht. Da müsste man, finde ich, noch genauer hinschauen, warum diese erfolgreiche und bekannte – jedoch im Kalten Krieg boykottierte –  Architektin sich dafür entscheidet, sich als starke Fürsprecherin in globale Frauenrechtsthematiken einzubringen.

Gabu Heindl ist Architektin und Stadtforscherin in Wien. Mit ihrem Büro GABU Heindl Architektur baut sie öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen, plant an Gestaltungsleitlinien für den Donaukanal Wien und konzipiert Projekte zu Fragen von gerechter Stadt, Verdichtung des städtischen Umfelds oder Umbau im Bestand. Sie absolvierte das Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, an der Geidai University in Tokyo und der Princeton University, USA. Von 2001 bis 2003 als Architektin in New York und Amsterdam tätig. Lehrte an der Technischen Universität Graz, der TU Delft, am Berlage Institute in Rotterdam und an der Princeton University. Seit 2007 Lehrtätigkeit am Institut für Kunst und Architektur, Akademie der Bildenden Künste in Wien. Seit 2009 Vorstandsmitglied der ÖGFA, seit 2013 Vorsitzende der Österreichische Gesellschaft für Architektur, Wien.

Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

Theresa Häfele_Wien_ 2017

Interview mit Silvia Forlati und Anne Isopp über die Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie
..2017

Theresa Häfele im Gespräch mit Anne Isopp und Silvia Forlati über die Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie.

TH: Was ist eure berufliche Tätigkeit? 

AI: Ich habe Architektur studiert, ein paar Jahre  als Architektin gearbeitet und bin jetzt seit mehr als zehn Jahren Architekturjournalistin. Ich bin Chefredakteurin der Fachzeitschrift Zuschnitt. Nebenher schreibe ich für mehrere Fachzeitschriften und für Tagesmedien über Architektur. 

SF: Ich habe auch Architektur studiert und mir gefällt die Verbindung von Praxis, Lehre und Forschung. Ich habe ein Büro mit zwei Partnern hier in Wien und bin immer auch parallel tätig, zum Teil an der TU in der Lehre und zum Teil bei „Wonderland“ Thema Architekturpraxis. „Wonderland“ ist eine Plattform für Junge Architektur aus Europa, ansonsten interessieren mich Wohnbau, Innovation, Städtebau ... ein breiter Ansatz.

TH: Seid ihr beide Gründerinnen von „Wonderland“?

AI: Ich nicht, Silvia ...

SF: ... aber du bist sehr zeitnah eingestiegen.

AI: Wir waren noch in Hamburg, als „Wonderland“ gegründet wurde. Als wir zurückkamen, sind zwei, drei Leute aus Wonderland ausgeschieden und wir haben dann einen der frei gewordenen Plätze besetzen können. Unser Team bestand aus meinem Mann, auch Architekt, mir und einem Dritten. Die Idee war als Architekten zusammenzuarbeiten, wir haben dann diese Europa-Tour mitgemacht, die Zusammenarbeit darüber hinaus aber nie weiterverfolgt. Ich bin dann recht bald in die journalistische Richtung gegangen.

SF: Da haben wir uns getroffen, als Team, als „Querteam“, denn uns hat es beide interessiert, die Informationen, die in „Wonderland“ versteckt waren, nach außen zu bringen: Wie funktioniert die Architektur in der Praxis? Welche Themen sind relevant? Wir hatten das Gefühl, es gab sehr viel Know-how, das nicht formuliert, aber sehr wichtig und spannend war. Es war wirklich eine ganz andere Architektur-Praxis als vorher und diese Fragen: In welche Richtung? ... Welche Möglichkeiten, welche Spielräume gibt es? ... haben uns sehr beschäftigt. Es war auch eine reflexive Überlegung, weil auch wir uns gefragt haben: Was machen wir? Wie geht es weiter?

TH: Noch ein paar Fragen zum persönlichen Lebenslauf: Du hast an der TU studiert?

SF: Nein. Ich habe in Italien studiert, dann in Amsterdam einen Master gemacht. Und von dort bin ich in die Architekturpraxis eingestiegen, zuerst für ein Jahr in Holland, war dann in London und in Singapur. Ein Büro zu gründen, war ein Thema und ich wollte das mit meinem Mann, der auch Architekt ist, in Wien machen. Gleich als wir nach Wien sind, habe ich an der TU zu lehren angefangen. 

TH: Und „Wonderland“ ist dann wie entstanden? 

SF: „Wonderland“ war für uns der Anstoß eine Architektur-Praxis zu gründen, bei dieser ersten Ausstellung in Kärnten mitzumachen, macht ein Konzept. Der Anstoß: Okay, wir müssen uns nach außen präsentieren. Somit ist die Gründung unserer Architektur-Praxis entstanden. 

TH: Die Idee von „Wonderland“ hat mit Vernetzung zu tun?

SF: Ja, aber es war ein Bottom-Up-Projekt. Das Ganze hat mit einem Raum angefangen, in Kärnten, in Kärnten, in St. Veit an der Glan, wo jemand gefragt wurde: Bitte macht eine Ausstellung. Sie waren sehr jung und hatten nicht genug, um den Raum zu füllen, sie haben dann das Netzwerk, das sie hatten benutzt, um andere ins Boot zu holen. Die Frage war: Wie macht man das? Zuerst wurde der Raum verteilt und dann die Entscheidung getroffen: Wir brauchen ein gemeinsames Ausstellungssystem. Zwischen allen Vorschlägen wurde einer gewählt, der erweiterbar war. Und das war erweiterbar, weil das eine einfache  Idee war: einfach zusammenzubauen … und weil wir in der Ferne waren – wir waren in Singapur – und diese Einfachheit war für uns eine Rahmenbedingung, die die anderen nicht hatten, die vor Ort waren. Vielleicht hat es uns geholfen, dass wir nicht dort waren, bei der Entscheidung, weil es diese Neutralität hatte … Das war dann unser erstes Projekt, mit Umsetzung, als Team. 

TH: Und der Vernetzungsgedanke kam später? 

SF: Nein, also diese erste kleine Vernetzung, zwischen den elf (Ausstellungsteilnehmern) in Kärnten, war relativ zufällig. Irgendwie ist die Möglichkeit entstanden, mit dieser Ausstellung in Österreich zu touren; dann die Diskussion: Okay, wie geht man weiter? Wir waren in Wien, in Graz und dann war es mehr oder weniger aus. Es ist die Idee entstanden, es noch irgendwo anders zu probieren, die Ausstellung irgendwo außerhalb von Österreich zu präsentieren: Ja, aber macht das Sinn, elf junge Architekturbüros in Bratislava zu zeigen? Ja, aber es macht mehr Sinn, wenn man auch die lokale Situation mit einbindet. So lässt sich eine andere Dimension erreichen und somit ist diese Weitervernetzung, außerhalb von Österreich, entstanden. Diese Idee des Bottom-Up-Prozesses, man wiederholt das, sucht jemanden, der jemanden sucht – eine Art Domino-Effekt– ohne das von oben zu korrigieren und zu steuern. Und man hat das Bottom-Up-System wiederholen wollen in anderen Ländern und so ist diese große Vernetzung entstanden, diese Tour von 2004 bis 2006, mit Ausstellungseröffnungen, dann zusätzlich mit einer EU-Förderung.

TH: Und wie ist das organisiert? „Wonderland“, wie? Über eine Plattform? 

SF:  Es war ja ursprünglich eine Plattform, die sich weiterentwickelt hat. Jetzt gibt es eine zweite Generation, die weiter mit der Idee von europäischer Dimension arbeitet und sich als Plattform versteht, die helfen, die quer vernetzen will, auch gemeinsame Aktivitäten hat. Es gibt Project-Spaces, mit Möglichkeiten, Workshops abzuhalten, wo mehr Teams dazukommen, um sich international mit lokalen Gegebenheiten zu befassen. Es gibt Publikationen. Oder die Möglichkeit Ideen zu verwirklichen, die ein kleines Team nicht schaffen kann, aber durch die Vernetzung wird es machbar.

AI: Am Anfang waren es nur die Teams von „Wonderland“, die ausgestellt haben. Heute  kann man leichter Mitglied werden und sich einbringen. Es ist zu einer offeneren Plattform geworden als zu unserer Zeit.

TH: Und zu deiner Person? Wo hast du studiert?

AI: Ich habe in Graz studiert, ein Auslandssemester in Holland gemacht, aber im Großen und Ganzen in Graz studiert. Nach dem Studium bin ich nach Hamburg gegangen und habe dort vier Jahre als Architektin gearbeitet und bin dann mit meinem Mann wieder nach Österreich, weil er sich hier selbständig machen wollte. Das war für mich der Zeitpunkt, wo ich dachte: So, wenn ich jetzt meinen Job in Hamburg aufgegeben habe, dann möchte ich jetzt etwas ausprobieren, was mir immer so im Kopf herumgeschwebt ist und habe dann ein Aufbaustudium für Journalismus gemacht. So bin ich in den Journalismus reingerutscht. Die Architektentätigkeit habe ich ganz aufgegeben. Das Aufbaustudium ging von 2003 bis 2005 und dann ging alles sehr schnell, dass ich für viele Medien geschrieben habe. Angefangen habe ich für „STANDARD“, „Profil“, „Salzburger Nachrichten“ zu schreiben, das war dann wie so eine Welle, man merkte, der Bedarf ist da. Wenn man bei einem anfängt, wird man weitergereicht. 2007 habe ich ein Kind bekommen und habe mich eine Zeit lang aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. 2008 habe ich dann angefangen für die Fachzeitschrift Zuschnitt zu arbeiten. Den Tagesjournalismus mache ich seit dem nicht mehr in der gleichen Intensität wie vorher gemacht, denn das ist schwierig mit Kind zu vereinen.

TH: Wie war das im Studium: Was war deine Motivation Architektur zu studieren? 

AI: Ich habe mich immer für kreative Sachen interessiert; hätte auch gerne Mathematik studiert. Ich habe mir vorgestellt: Das ist eine gute Kombination, ohne eigentlich genau zu wissen, was mich da erwartet – wie bei vielen meiner Studienkollegen: man hat so eine diffuse Vorstellung.

TH: Konntest du das dann auch umsetzen, im Architekturbüro?

AI: Ja, im Architekturbüro – das ist schon immer ein Sprung ins kalte Wasser – von dem, was man in der Uni lernt und dem was man sich vorstellt. Silvia und ich haben auch viel diskutiert über dieses Stararchitektentum. Stararchitekt zu werden -  das schwebt einem ja so vor, als Weg, ohne die eigenen Qualitäten wirklich beurteilen zu können. Nach dem Studium geht man ins Büro und zeichnet erst einmal Detailpläne, Fliesenpläne usw. Das war alles kein Problem, nur habe ich mich in Hamburg immer wieder gefragt: Wo sind die Architekten mit 40? Die Frage „Wie geht es für mich weiter?“ hat sich für mich früh gestellt. Du hast vorhin von Role-Models gesprochen ... Da habe ich eigentlich keine gefunden. Ich wusste bald: Selbständig sein, ist nichts für mich. In den meisten Büros sind nur junge Leute so um die dreißig und das ist, glaube ich, nach wie vor meistens so. Da muss man sich überlegen: Wohin geht der eigene Weg? Das hat mich in den ersten Berufsjahren extrem beschäftigt. Von daher war klar, dass die Architektur, der klassische Architektenberuf, für mich keine Perspektive bietet.... Und dass der Journalismusberuf dann so aufgeht, das habe ich natürlich auch nicht gewusst, ich dachte eher, ich gehe an die Uni oder so, mache Dissertation, ein Weg, den man von der Uni her kennt. 

TH: Wie war das bei dir im Studium? Deine Vorstellung von Architektur? 

SF: Das war eine ähnliche Motivation. Ich habe Mathematik sehr gerne gehabt, auch kreative Sachen haben mich immer beschäftigt und im Studium war dann schon klar: Ich möchte Architektin werden. Das Raum-Schaffen hat mich stark interessiert, dieses „die Realität beeinflussen“, die Möglichkeit, etwas zu verwirklichen, in den Raum zu stellen. Daher war es für mich in die Architekturpraxis, als ich endlich hineingekommen bin, sehr spannend, etwas zu realisieren. Umgekehrt bezieht sich dieses „Bewirken” nicht nur auf den Raum, sondern auch auf die Vorbedingungen, die sind wichtig; und um die zu beeinflussen, muss man sich einen Schritt vorher positionieren. Das versuche ich breit zu erweitern, im Moment springe ich zwischen theoretischem Diskurs und Städtebauplanung – oder Planungsprozessen und „Wie funktionieren Lüftungen in einer Toilette?“ Die Themenpalette, womit ich mich beschäftige, ist sehr breit, das ist spannend und auch manchmal schwierig, weil die notwendige Tiefe nicht immer zu erreichen ist.

TH: Habt ihr bezüglich der „Themenpalette“ eine Aufteilung mit deinen zwei Partnern? 

SF: Nein, da ist mein Mann und noch ein Partner. Ich konnte in meinem Büro die Arbeit für „Wonderland“ machen ... es gab auch Spannungen manchmal, weil so gut bezahlt war es doch nicht … Es war irgendwie möglich, das zu machen, das zu kombinieren. Ich habe immer ein bisschen eine Joker-Position gehabt, auch weil ich dann mit den Kindern nicht ganz 100%-ig da sein konnte, wie die anderen zwei Partner es sind, daraus hat sich eine Art Sonderrolle entwickelt. … Oder aus meinen Interessen heraus, dass ich Sachen ausprobiert habe und sich dann andere Türen aufgemacht haben, die sich jetzt auch wiederholen ... das ist jetzt auch im Büro so … dass sie sich fragen: „Und wo ist jetzt die Silvia, was macht sie jetzt?“ Und das ist nicht immer ganz klar. (lacht)

AI: Da kann ich gut ergänzen, jetzt auch zu meiner Person. Mein Herz schlägt trotzdem für Architektur, auch wenn ich nicht als Architektin tätig bin. Ich begleite das Architekten-Geschehen einfach von einer anderen Perspektive aus … Dass dieses Studium mich auch sehr geprägt hat; und dieses Interesse, dass es sich von daher schon gelohnt hat, das zu studieren. Einfach nicht als ausführende Architektin, sondern als schreibende sozusagen.

TH: Wie seid ihr zu der Studie gekommen, die ihr gemacht habt (Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie)? 

AI: Angefangen haben wir damit ein  Buch über den Architektenberuf zu machen. Das Wonderland manual. Dieses Buch ist praktisch aus dem, was wir vorher erzählt haben, entstanden: Aus dieser Ausstellung heraus, aus diesen Diskussionen mit den Architektenkollegen ist erst das Wonderland-Magazin entstanden und daraus dann später das Buch. Wir wollten unterschiedliche Aspekte des Architektenberufs unter die Lupe nehmen und eine Austauschplattform schaffen. Das war die Idee. Als das Buch 2012 erschienen ist, haben wir es in München vorgestellt und das war die Initialzündung zu der von Dir angesprochenen Studie. Da war eine Dame von der Architekten-Kammer, die hat gesagt, sie mache Kurse für Frauen, für den Wiedereinstieg und meinte – also am Anfang haben sie Computer- und Rechtskurse und so was angeboten – dass die Frauen gar nicht so daran interessiert wären. Das ist eigentlich nicht das Thema, das die Frauen beschäftigt, sondern ganz andere: Dass sie wieder einen Standpunkt und eine Perspektive finden: „Was mache überhaupt …“ 
SF: Über den Beruf. 
AI: Genau. Und das war dann der Anlass, dass wir gesagt haben ... 
SF: ... und die wollten immer über das Privatleben der Architekten, ein Kapitel, das wir nie geschafft haben, für das Manual. Ich glaube, das war der Outcome, dass wir irgendwann gesehen haben, dass in den 99 Teams erstaunlich wenig Frauen waren – obwohl das damals die junge Generation war. Es war ja auch unsere Erfahrung, als Frauen, als Mütter, denn … Dieses Thema ist gekommen, als die Kinder schon da waren. Wir haben parallel die Kinder bekommen; die waren dann so fünf, sechs und das war schon ein Moment, wo wir wieder Luft bekommen haben und parallel diese Reflexion über unsere eigene Position möglich war, wo ein bisschen ein Abstand vorhanden war. 

AI: Sieht man sich so im Freundes- oder Bekanntenkreis um, sind viele Frauen nach der Karenz nicht mehr in die Architektur zurückgekehrt. Wir sind ja alle gleich gestartet. Ich bin mir sicher, dass dies alle sehr gute Architektinnen sind. Und wenn Sie doch noch als Architektin arbeiten, dann zumindest nie  in diesen verantwortungsvollen Positionen, in der sie gestalten, leiten und steuern können. 

TH: Ist es eine Frage der Bürostruktur?

SF: Ich glaube, es ist nicht nur Frage der Bürostruktur, sondern auch der Projekt-Struktur. So eine leitende Position, die Projekt-Umsetzung … oder auch Konzipierung zum Teil ...

AI: Wenn man sich dann die Zahlen aus unserer Studie anschaut, dann ist es echt erschreckend, dass mehr als die Hälfte der Studenten Frauen sind, die dann nach dem Studium von der Bildfläche verschwinden. Es gibt ja kaum bekannte Architektinnen. Sowieso kaum eine, die ein Büro alleine führt. Wenn sind es Teams, bei denen das funktioniert. Oft hat es dann doch mit der Rolle in der Familie zu tun. Und das war die Motivation, sich das einmal genauer anzusehen, also: Woran liegt es und welche Möglichkeiten gibt es, das doch irgendwie hinzukriegen? 

SF: Von meiner Seite, als Lehrerende an der TU, da erlebt man dieses 50:50 Verhältnis und dass die Motivation bei Frauen sehr hoch sein kann und auch die Qualifikation, trotzdem überlege ich: Wohin gehen alle diese Studierenden? Allgemein, aber insbesondere: Wohin gehen diese Studentinnen? Und ich frage mich: Was vermittle ich ihnen? 

AI: Ich habe viel mit Frauen geredet, die in der Architektur erfolgreich sind und jedes Mal sagen sie: Ja, ich habe ja keine Kinder, also kann ich mich da auspowern … Das klingt wie eine Entschuldigung Das trennt sich dann: Diejenigen, die keine Kinder haben, sind die, die dann auch viel mehr Zeit haben, um was zu erschaffen und Erfolg zu haben. 
SF: Und keine Karrierebrüche haben. 

TH: Also die Frauen, die erfolgreiche Architektinnen sind, das habt ihr über eure Studie erlebt … Das funktioniert nur ohne Kinder.  

AI: Es ist viel einfacher, würde ich sagen.  
SF: Einer von den Schlüssen, zu denen wir kamen: Es gibt gewisse Konfigurationen, wo es besser funktionieren kann, mit den Kindern. Das hängt sehr stark mit dem Partner zusammen, wo Lebensprojekt und Berufsprojekt überlappend sind, damit gibt es diese Flexibilität – die dann oft auch eine räumliche Flexibilität ist – wo Wohnen und Arbeit zusammenkommen und Organisation gemeinsam gestaltet werden kann. Ansonsten scheint es sehr sehr schwierig zu sein … und auch der Trend, sich in anderen Feldern zu positionieren, scheint stark zu sein. Um die Sicherheit zu schaffen, um das Zeitmanagement zu schaffen. Das war sehr, sehr stark und … in ein anderes Feld zu wechseln, das wird als Verlust erlebt.

AI: Dass man mit dem Herzen dabei ist, das haben wir von vielen gehört ...
SF: ... also diese Leidenschaft...
AI:  ... aber dann keine Möglichkeit mehr zu sehen, weil die zeitlichen Strukturen oder auch andere Strukturen in vieler Hinsicht einfach nicht die Möglichkeit bieten, z.B. um drei zu gehen und trotzdem interessante Aufgaben zu machen. Das bieten andere Berufssparten schon …  

SF: ... aber dann gibt es nicht mehr so eine starke Leidenschaft. Die zeitlichen Strukturen sind auch ideologische Strukturen.

AI: Zeitlich, ideologisch, finanziell, es gibt mehrere Strukturen ...

SF: ... ist die Frage, was für ein Bild die Architekten von sich selbst haben oder haben wollen. ... das ist ein Bild, das keine Vereinbarkeit zulässt. Für Männer, sowie für Frauen.

TH: Ihr seht also nicht das Problem, dass Frauen generell nur kleinere Projekte bekommen? Dass sie nicht so viel Verantwortung bekommen wie die Männer, sondern eher das Problem, in der Zeiteinteilung, eben ein Karriereknick …  also nicht, dass man eine  Frau gesellschaftlich nicht in dieser Position wahrnimmt, ein Projekt zu leiten, ein Großprojekt zu leiten?

AI: Das ist individuell und kann man weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Ich glaube trotzdem, das habe ich in meiner Erfahrung in Hamburg gemacht: Wenn eine Frau kommt, die kompetent wirkt, die das will, die schafft das auch. Ich glaube, sich da jetzt in die Rolle drängen zu lassen: Wir armen, wir kriegen das nicht... Das glaube ich nicht.

SF: Das ist nicht das große Thema. Es gibt ein strukturelles Thema: Dass die zeitlichen Strukturen und die Erwartungen nicht in Ausgewogenheit mit einem Familienleben harmonieren können. Das heißt, das kann nicht funktionieren. Und dann muss man wählen und da fängt das Problem an. In Österreich ist das besonders stark, weil die Formen der Kinderbetreuung, die Ideologie über die Mutterrolle sehr stark in einer „Nicht-Gleichberechtigung“ verankert ist. Ja, die traditionelle Rolle der Frau, die Kinderbetreuung, die nicht als Struktur angeboten wird; aber die Mutter bleibt zu Haus bis zu drei Jahren, das sind alles Strukturen, die die Position der Frauen im Beruf schwächen.  

TH: Im europäischen Vergleich sind wir, was die Geschlechterverteilung im Architekturberuf betrifft, glaube ich, in etwa rangletzte, mit Estland.

SF: Ja, es ist dabei sich zu bessern. Die neuen Bedingungen für die Versicherung, die Pflichtversicherungen usw. In der Kammer haben sie die Situation verbessert, aber trotzdem ist es ein sehr schwieriges System, das ist in Wien ganz anders als in den Bundesländern; in Wien geht’s noch, aber in andern Bundesländern … 

AI: Also, in Vorarlberg, wo ich den Vortrag gehalten habe, gibt es ca. zehn selbständige Architektinnen ... Ich habe nicht genau die Zahl, wie viele Architekten es insgesamt dort gibt … aber der Anteil ist marginal. Das hat mit dieser traditionellen Mutterrolle, aber auch mit dieser kleinteiligen Architektenszene zu tun. Meist sind nur zwei, drei Leute im Büro und wenn da jemand ausfällt oder nur halbtags kommt, ist die Lücke dann viel schwerer aufzufüllen. In Deutschland gibt es ja viele große Büros, das bietet wieder andere Möglichkeiten; also man muss auch darüber nachdenken, wie die Strukturen hier sind.

SF: Trotzdem glaube ich, in der Kleinteiligkeit …  Die Frage der Teilzeit … Kann man? Will man? Das ist so ein Spannungsfeld, denn letztendlich kommen wir dann zu dieser Ideologie: Es sollte keine Zeitbegrenzung geben, es ist kein Beruf, es ist eine Leidenschaft! Es ist eine Kunst! Das ist aber auch letztendlich eine ideologische Voraussetzung, die man nicht erfüllen kann, wenn man andere Verpflichtungen hat, die nicht unbedingt im Beruf verankert sind. Darüber gibt es wenig Diskussionen und in der Ausbildung ist dieses „Architekt als Künstler“ sowieso unglaublich stark verankert. Dementsprechend wird das auch weitergelebt und weitergetragen.

TH: Ihr habt diese Studie ja explizit an Männer und Frauen als ArchitektInnen gerichtet. War das bewusst so?  

AI: Wir interessieren uns eigentlich nicht für reine Frauenthemen. Es ist generell ein strukturelles Problem, so wie wir es jetzt dargelegt haben. Und dass es hauptsächlich Frauen betrifft, wissen wir auch. Aber das hat jetzt nichts damit zu tun, dass es uns nur um Frauen geht. Uns geht es darum, diese strukturellen Schwierigkeiten aufzuzeigen.

SF: Es betrifft auch Männer; letztendlich betrifft es Eltern und müsste von beiden angegangen werden. Für uns war ganz wichtig, nicht in eine Ecke der Frauendiskussion  gedrängt zu werden. Es ist ein allgemeines Thema, denn es geht um Qualität, um die Möglichkeit des Berufes für beide; ich meine, es ist nicht nur für Frauen ein Problem, wenn ich keine Zeitbegrenzung habe, sondern auch für Männer, das sieht man bei gewissen Interviews: Scheidung usw. Die Lösung können natürlich nicht nur Frauen finden. 

TH: Kinderbetreuung sollte kein Frauenthema sein, es gibt ja manche Männer, die auch in Karenz gehen, die dann wieder Schwierigkeiten haben in Jobs einzusteigen. 

AI: Ja, es ist ein bisschen anders gelagert, weil man unter Männern dann auch so ein bisschen mit seinem Standing zu kämpfen hat.

TH: Siehst du als Auswegs-Möglichkeit – eben diese Vernetzungen? Könnte das irgendwie ein Thema sein? Dass mehr Flexibilität, Auslagerung und Zusammenarbeit etwas verändern könnte?

AI: Ich glaube, dass dieses Miteinander-austauschen etwas ist, was Zukunft hat. Mit dieser Kleinteiligkeit in der Architekturbranche tun sich alle schwer, unabhängig von der Work-Life-Balance. Von daher glaube ich, dass es auf jeden Fall sein muss ... Wir haben auch über dieses Job-Sharing geredet, also zu zweit eine Vollzeitstelle zu füllen. Da muss man kreativer werden.

SF: Die Vernetzung ist definitiv ein wichtiges Thema, für den Beruf im Allgemeinen. Das war auch ein Schluss vom Manual, wo man gesagt hat: Das Feld hat sich so erweitert, man muss sich in diesem Feld positionieren, aber auch sich zum Teil flexibel positionieren können. Ein Weg ist unterschiedliche Know-hows kombinieren zu können. Das kann man nicht in einem Team, in einer kleinen Einheit, vielleicht auch nicht in einer großen Einheit schaffen. Die Vernetzung und die Synergien zwischen unterschiedlichen Kompetenzen und Know-hows, unterschiedliche Formen von Strukturen und wahrscheinlich auch unterschiedliche Produktionstypen oder auch Produkttypen, das ist ganz wichtig. Besonders aus der Perspektive von: Was passiert, wenn man Kinder bekommt? Und wie positioniert man sich dann am Markt? Da ist es besonders wichtig … Viele sagen: Okay, ich gehe dann nicht in ein Büro oder ich finde nichts in einem Büro, das heißt, ich mache mich selbstständig, also allein selbständig. Das sind die kleinsten Einheiten, die aber in einem normalen Markt kaum überleben können. Sie kämpfen mit: Klein zu sein, plus allein und plus nichts verdienen. Plus die totale Verantwortung für die Kinder, weil sie sind die, die dann mit dem Partner verhandeln müssen, wenn es darum geht: Wer bleibt zu Hause, weil das Kind krank ist.

AI: Das ist dann eine finanzielle Frage.
SF: Wer mehr verdient? Wer hat den wichtigsten Job? Wer ist der „Bread-Winner“... Wer geht weiter in den Job, in die Karriere, wenn man entscheidet … Wer ist der, der „hinten bleibt“. Ist es die Frau? Mit dieser Art von Strukturen, ist es dann wie ein Hobby, das nicht funktioniert und nicht mehr ein Beruf. Und dann ist Vernetzung und Know-how, im Sinne von Sharing und sich Positionieren schon eine Chance, mit dem bestehenden System umgehen zu können. Aber das ist nicht einfach, man muss es machen können, man muss die Zeit haben, man muss auch die Strukturen dazu haben. Deshalb war die IG Architektur ein Versuch, das Thema auf den Tisch zu bringen. 

TH: Da war ich bei der Veranstaltung der IG Architektur, bei der ihr das erste Buch Manual for Emerging Architects präsentiert habt. Es gab dann noch eine weitere Veranstaltung über die Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie, bei der ihr das Projekt aber erst vorgestellt habt.

AI: Da hatten wir am Tag einen Work-Shop und am Abend haben wir Best-Practice Beispiele gezeigt. Da war auch der Peter Nageler von nonconform dabei, der das aus der Sicht des Mannes erzählt hat. Er hat auch gesagt, dass seine Frau mehr Zeit für die Kinderbetreuung aufbringt. Wie Ursula Schneider von POS Architekten Beruf und Familie miteinander vereint, ist ein schönes funktionierendes Beispiel. Sie haben in einem Haus gewohnt und gearbeitet. Das hat gut funktioniert.

SF: Und haben einen sehr starken Anspruch nach Gleichberechtigung. Aber dieser Anspruch kommt zur Implementierung, zu einer Zeit, wo man selbst die Strukturen definieren kann.

AI: Was man vielleicht schon sagen kann, ist, dass dieser Anspruch auf Gleichberechtigung  in den meisten Fällen von der Frau eingefordert wird. Ich weiß nicht, ob du das unterschreiben würdest, aber bei denen, mit denen wir gesprochen haben, war es immer die Frau, die das eingefordert und gesagt hat, sie will das… Und der Mann war bereit dazu, aber andersrum … braucht man nichts einzufordern. Es sind schon immer die Frauen, die ganz klar wissen, was sie wollen und damit dann auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schaffen. 

SF: Aber eher eine Minderheit. Und in den meisten Fällen kommt man sehr unvorbereitet zum Thema. Die haben alle gedacht bzw. gesagt: Ich hatte keine Vorstellung, ich hatte kein Role-Model. Man ist in einer sehr schwachen Position, wenn man das nicht im Voraus geklärt hat. Da schlittert man schnell hinein in diese traditionellen Rollen und hat sich nie darüber Gedanken gemacht, weil vorher war ja alles möglich und 50:50. Man denkt alles mit diesem Gleichberechtigungsgedanken, die Männer auch. Aber in dem Moment, wo das Thema am Tisch kommt, schlittert man in diese traditionelle Ungleichberechtigung hinein, ohne es zu wollen. Deshalb ist es schon notwendig, dieses Thema im Voraus auf den Tisch zu bringen, in unserer Generation waren wir nicht so – das wäre mein Schluss für mich. Ich war nicht vorbereitet. 

AI: Man ist nicht vorbereitet und doch auch überrascht, wie viele Frauen eine traditionelle, oder passive Rolle einnehmen; also nicht diese aktive, über die wir gerade geredet haben. Dann muss man sich auch bewusst sein, was das heißt. Es sind ja nur ein paar Jahre und dann werden die Kinder selbständig und dann … Was ist dann? Das muss von Anfang an bedacht werden. Sonst steht man nach drei, vier Jahren da und hat nichts mehr und dann kommst du auch nicht mehr rein, dann ist der Zug abgefahren. Und viele sind sich dessen nicht bewusst. 

TH:  Habt ihr euch in der Care-Arbeit für die Kinder bewusst für ein Modell entschieden?

SF:  Also, ich bin keine Best-Practice für die 50:50 …

AI: Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Ich glaube auch: Es gibt kein richtig und falsch. Es gibt verschiedene Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, du musst es für dich gestalten. Erstens musst du es gestalten und dann musst dir auch der Konsequenzen für deine Zukunft bewusst sein, das ist, glaube ich, wichtig ...

SF: ... dass es eine bewusste Entscheidung ist … und nicht: Man schlittert hinein … z.B. und man hat gesehen: Es gibt schon Teilzeitjobs, aber die werden Personen angeboten, die vorher in den Büros gearbeitet haben; man kennt sie schon und weiß, was sie schaffen und das ist dann kein Problem, ihnen einen Teilzeitjob zu geben. Man weiß, was man bekommt und man bekommt fast so viel wie bei einem 40-Stunden-Job, aber es kostet weniger und das ist okay. (Pause) Für den Job heißt das: Ich muss, bevor ich in Karenz gehe, in einem Büro arbeiten, das in der Lage ist so etwas zu machen. Wenn ich aber irgendwo arbeite, wo ich nicht die Möglichkeit habe in einen Teilzeitjob zurückkommen, bin ich in einer schwierigen Position, weil von Null wird dir kein Teilzeitjob angeboten. Das heißt, ich muss im Voraus wissen, wohin ich will. Ich muss die Bedingungen schon im Voraus checken. Sonst habe ich ein Problem im Nachhinein, aber niemand denkt de facto so.

SF: Allgemein darf man nicht aus den Augen lassen, dass der Beruf per se schwierig ist. Es ist eine sehr schwierige Situation und die zusätzlich schwierigen Komponenten muss man kombinieren können. Zum Teil geben Büros die Bedingungen weiter, die sie selbst bekommen. Das ist irgendwie eine Kettenreaktion und das muss man auch im Auge behalten: Okay, dass man das nicht schaffen kann, in der Praxis bei gewissen Barrieren durchzukommen. Es sind sehr viele am Markt, sehr viele sehr gute, in einem überfüllten Markt mit nicht genug, vielleicht spezifischen Angeboten. Man lehrt und denkt, es ist eine Kunst und nicht eine Dienstleistung. Und man muss sich überlegen, wie positioniere ich mich am Markt, was für Produkte biete ich an? Gibt es einen Markt für diese Produkte? Wie kann ich meine Kompetenzen und meine Fähigkeiten für den Markt verpacken, das lernt man nicht in der Uni, weil man viel ein monofunktionales Bild der Architektur vermittelt und … Das habe ich zum Beispiel in Italien sehr stark erlebt: Wir haben über diese Spezialisierung gesprochen, wo es multidimensional ist, und man sich überlegen sollte, wo positioniere ich mich zwischen „Wie-ich-Sachen-mache“, „Was-ich-tue“ mit welchen Attributen und so. Ist es Nachhaltigkeit, ist es Wohnbau, ist es Nachhaltiger Wohnbau mit Partizipation. Diese Kombinationen muss man gestalten können, denn so einfach zu sagen: „Ich bin Architekt“ ist es für die meisten nicht mehr.

TH: Und euer Büro hat sich da spezialisiert?

SF: Nicht ganz bzw. zum Teil. Es gibt gewisse Sparten, die wir abdecken, aber das ist auch ein Problem, das wir haben. Zum einen bauen wir jetzt ein Hochhaus, in einer Zusammenarbeit mit einem internationalen Büro. Zum andern mache ich Partizipationsprojekte in kleinen Dörfern über Ortskernbelebung. Es gibt Büros, die so was machen und dementsprechend auch weiterkommen, wo diese Diskussion „Was biete ich?“ ganz andere Dimensionen schafft. Aber das ist diese Spannung zwischen „Was ich sehe“ und „Was ich mache“, das muss nicht das Gleiche sein. 

TH: Was diese Betreuungszeit betrifft, wie du gesagt hast, etwa vier Jahre, dann würde man wieder voll arbeiten können? 

AI: Vollwertig würde ich jetzt nicht sagen, aber es wird immer mehr Zeit, die man zur Verfügung hat. 

TH: Eigentlich geht es da um dieses Gap: Karenz und Karriereknick, Wiedereinstieg und … 

SF: Ja, aber die Frage ist: Wie gestalte ich dieses Gap. Wie geht es weiter? Ein Kind mit zehn Jahre braucht genauso Betreuung, Geschenke für die Kindergeburtstage, Schultaschenreinigung etc. Man muss trotzdem da sein. Babysitten und so. Wer hat die Telefonnummer von der Babysitterin? Das sind Themen, die sehr langfristig sind, trotzdem ist die Sorge-Arbeit immer da. 

TH: Eigentlich bräuchte man einen Kurs, wie man gleichberechtigt einen kinder- oder besser: familiengerechten Alltag organisiert.

SF: Aber darüber wird nie gesprochen. Ich habe - für mich ein sehr spannendes Modell - von POS gehört; das hat sich sehr spannend angehört. Sie hatten 24-Stunden-Schichten. Von elf Uhr am Abend – um elf Uhr am Abend wird die Verantwortung übergeben, für den nächsten Tag. Und an diesem Tag hatte der eine die volle Verantwortung; das heißt: Auch wenn das Kind krank ist, Geburtstag etc. Der eine war für Musik, der andere für Sport, nur das war getrennt. Der zweite Punkt war: Selbständige Kinder zu erziehen; das heißt unterschiedliche Aktivitäten müssen sie selbst machen, sobald es möglich war. So war das klar: Wer zu Hause ist, wenn das Kind krank ist, der übernimmt das. So, es ist eine klare Regelung da; und das funktioniert, glaube ich. Nur es ist die Zeit, die gemeinsame Zeit, und die Zeit für sich selbst  ...  man spricht auch von der Arbeit an sich selbst, das sind Elemente, die dann sehr oft wegfallen, aber es geht um diese Formen und Modelle von Gleichberechtigung, die helfen sehr viel, wenn man es schafft. Dahin kommen wir allgemein, Männer und Frauen, sehr unvorbereitet, denn der ganze feministische Diskurs der 70-er Jahre betrifft uns nicht, weil wir ja gleichberechtigt sind, bis wir zu dieser Schnittstelle kommen. 

Silvia Forlati absolvierte ihr Architekturstudium an der IUAV, Venedig und am Berlage Institut Amsterdam. Beruflicher Werdegang: 1998 -2002 tätig bei VenhoevenCS in Amsterdam und für Zaha Hadid Architects in London-Singapur, 2000 gründet Sie mit ihren Partnern SHARE architects in Wien. Seit 2002 ist sie Assistentin des Wohnbau- und Designinstitutes an der Technischen Universität in Wien. Sie betreut StudentInnen und betreibt Forschung über innovativen Wohnbau. Sie ist Mitbegründerin von wonderland (wonderland – platform for european architecture)

Anne Isopp ist Architekturjournalistin

Studium der Architektur in Graz und Delft. Ab 1999 Arbeit als Architektin in Hamburg. Seit 2003 freie Architekturjournalistin in Wien, u.a. tätig für Salzburger Nachrichten, profil, Architektur&Bauforum, Baumeister. aktiv bei wonderland (wonderland – platform for european architecture)

Anne Isopp und Silvia Forlati arbeiten gemeinsam an Publikationen und Studien für wonderland, u.a.: Manual for Emerging Architects und mit Sabina Riß-Retschitzegger die Studie „Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie. Strategien, Modelle und Erfahrungen“

Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

Theresa Häfele_Wien_ 2017

Eindrücke vom Vortrag bei Architektur in Progress
19.11.2015

Am 10.11.2015 haben wir unseren Vortrag bei Architektur in Progress abgehalten. Dabei sind einige sehr schöne Fotos entstanden. Wir bedanken uns noch einmal herzlichst für die Einladung.

Vortrag bei Architektur in Progress
10.11.2015

10.11.2015, 19:00 Uhr, Bene Wien, Neutorgasse 4-8

architektur in progress präsentiert am 10.11.2015 miss_vdr architektur bei der Reihe „Junge Architektur Wien - Herbst 2015". Wir bedanken uns für die Einladung und freuen uns auf tolle Veranstaltungen sowie auf Ihr Kommen! Weitere Infos unter >> architektur in progress

100 Minuten LandschaftsArchitektur
29.10.2015

im Rahmen der Veranstaltung VIEWien werden alle Yova 4+ Teilnehmer in 100 Minuten ihre Arbeiten präsentieren.
Am 10. Dezember 2015 präsentiert sich miss_vdr architektur gemeinsam mit idealice und lostinarchitecture. Weitere Termine der Vortragsreihe sind der 29. Oktober und der 19. November


Weitere Informationen unter >> Yova 4+

im ARCHITEKTUR UND BAUFORUM
19.10.2015

miss_vdr architektur im Interview mit Gertrud Purdeller
- nachzulesen im aktuellen ARCHITEKTUR UND BAUFORUM -
veröffentlicht am 19.10.2015 

>> zum Artikel

YOVA 4+ goes VIEWien...
11.09.2015

Wer eine Ausstellung im Herbst besuchen will sollte in der Wiener Planungswerkstatt vorbeischauen. Dort werden u.a. die YOVA4+ - Young Viennese Architects and Landscape Architects - nochmal präsentiert. Weitere Themen der Ausstellung sind:

- gebaut 2010 - 2015 - Ausstellung der MA19
- Open House Wien
- ÖGFA -50 Jahre Österreichische Gesellschaft für Architektur
- wienarch app 

Außerdem gibt es viele Veranstaltungen im Rahmen dieser Austellung. Unter anderem 3 Termine "100 Minuten LandschaftsArchitektur". Nähere Infos unter >>> VIEWien

Ausstellungseröffnung VIEWien
10.09.2015

Ausstellungseröffnung „VIEWIEN – Architektur entdecken"
Zeit: Donnerstag, 10. September 2015, 18.00 Uhr
Ort: Wiener Planungswerkstatt, 1010 Wien, Friedrich Schmidt Platz 9

qualitätsvolle Architektur prägt nicht nur das Stadtbild, sondern ist auch ein wesentlicher Bestandteil einer attraktiven Stadt mit hoher Lebensqualität. Die Stadt Wien setzt auf vielen Ebenen an, um einer kreativen und lebendigen LandschaftsArchitekturszene eine entsprechende Plattform zu bieten. Im Rahmen der Ausstellung „VIEWIEN – Architektur entdecken" wird eine Zusammenschau von spannenden Architekturinitiativen und -projekten der vergangenen Jahre präsentiert. Fünf Initiativen laden ein:

- YOVA4 - Young Viennese Architects and Landscape Architects
- gebaut 2010 - 2015 - Ausstellung der MA19
- Open House Wien
- ÖGFA -50 Jahre Österreichische Gesellschaft für Architektur
- wienarch app

 Wir freuen uns auf Euer Kommen. 

Buchpräsentation
05.05.2015

Yo.V.A. 4plus 
Junge Wiener ArchitektInnen und LandschaftsarchitektInnen

EINLADUNG zur Buchpräsentation:

Mittwoch 27.05.2015
 18.00 Uhr 
Wien Museum, Atrium

YoVA (Young Viennese Architects and Landscapearchitects) ist eine Publikationsreihe, die von der Wiener Stadtverwaltung initiiert wurde, um junge Wiener Architekturschaffende zu fördern. Eine Jury wählte elf Wiener Büros von Architekten und Landschaftsarchitekten aus.
Drei Werkstattgespräche und eine Gesprächsrunde mit Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou geben Auskunft über Leben und Arbeit der Elf und über ihre Sicht auf Wien. Zudem präsentieren alle Büros, neben einem Überblick über ihre Arbeit, ihre persönliches Statement zum Thema Stadt-Utopie Wien. 

Rückblick zur "Wohnen&Energie"-Messe 2015
20.02.2015

miss_vdr war dabei. Hier ein kurzer Video-Rückblick auf das "Speed-Dating" der IG Architektur zwischen ArchitektInnen und potenziellen BauherrInnen auf der Messe "Bauen&Energie 2015": >> zum Video

12.-15.2.2015 Bauen und Energie-Messe
12.02.2015

Die IG Architektur präsentiert sich auf der Bauen und Energie - Messe Wien und auch miss_vdr architektur ist bei der Betreuung des Standes mit dabei .... wir freuen uns über Euren Besuch ;-)

Baunetz Shortlist 2015
07.01.2015

miss_vdr architektur im Interview mit Benedikt Hotze von baunetz.de. Nachzulesen in der >> shortlist

 

AUSSTELLUNG_BAUKULTUR
28.11.2014

In der Wiener Planungswerkstatt wird ein Fest als Abschluss der Ausstellung „Baukultur - Denk Deine Stadt anders“  stattfinden. In diesem Rahmen werden auch die Gewinnerfotos des Wettbewerbes gekürt, danach wird gefeiert. Wir freuen uns auf ein schönes Fest.

FINISSAGE:    4.12.2014    18:00    Wiener Planungswerkstatt

Fotorechte: © c.fürthner/MA19

Young Viennese Architects 4+ _ wir sind dabei!
17.11.2014

nach einer professionellen und heiteren Präsentation von miss_vdr schreibt die Jury:

„Die drei Damen von miss_vdr haben sich die Latte selbst hoch gelegt: integer_ fair_ eigen_ Kommunikation_ ganz_ Kern_ Progress_ Mensch_ Koop_ aktiv heissen ihre 10 Vorsätze, an denen sie ihr Arbeiten orientieren. Mit und für den Menschen, unter Berücksichtigung sozialer Fairness, zum wesentlichen Kern der Sache vordringen, begleiten sie auf ihrem eigenständig eingeschlagenen Weg. Als jüngstes Team stehen sie damit am Beginn ihrer Arbeit, haben jedoch bereits bewiesen, dass sie bauen, inszenieren und publizieren können. Ihre Arbeiten wirken in jeder Hinsicht vielversprechend."

Nun folgt eine Publikation gemeinsam mit den anderen ausgewählten Büros von YOVA 4+

BAUKULTUR
17.09.2014

BAUKULTUR - Denk Deine Stadt anders

ERÖFFNUNG der Ausstellung: 17. September, 17.00 Uhr | Wiener Planungswerkstatt, 1., Friedrich-Schmidt-Platz 9

Die vom Wiener Gemeinderat beschlossenen neuen baukulturellen Leitsätze für Wien werden von 18. September bis 19. Dezember 2014 in der Wiener Planungswerkstatt dargestellt.

Die Ausstellungsarchitektur dient sowohl in, als auch vor der Wiener Planungswerkstatt als bespielbare räumliche Grundstruktur um den Besuchern das Thema Baukultur anhand der 10 Leitsätzen näher zu bringen. Mittels fünf Orten in der Stadt werden deren Inhalte, Prinzipien und ihre Umsetzung vermittelt. >> mehr infos 
Fotorechte: © c.fürthner/MA19

Ausstellungsarchitektur: miss_vdr architektur und heri&salli | Ausstellungsgestaltung: zunderzwo | Vermittlungskonzepte: Wanderklasse, insprin, Raumschule | Ausstellungssatelliten: feld72, nonconform, insprin | KuratorInnenteam: Volker Dienst, Barbara Feller, Antje Lehn, Robert Temel | Projektbegleitung: Andrea Kreppenhofer, Michael Diem (MA19), Gabriele Berauschek, Barbara Triska (MA18) | Aufbau: StahlundForm

 

BauNetz am 17.9.2014
17.09.2014

miss_vdr auf Baunetz.de für einen Tag. >> zum link

miss_vdr architektur wird vorgestellt
07.05.2014

 

Peter Reischer hat uns zum Interview getroffen und diesen schönen Artikel über unser Büro veröffentlicht

>> zum Artikel

 

SHV_Artikel auf derStandard.at
17.04.2014

 

ein schöner Beitrag von Maik Novotny über das Sullner Haus Vorarlberg

>> zum Artikel

 

ZHG_Fertigstellung der Küche
01.03.2014

Ein Klapp-Schiebesystem liegt der Küche zugrunde. Einheitliches Material und leuchtende Farben zeichnen die Möbel aus.

>> zum Projekt

SHV auf europaconcorsi
28.02.2014

europaconcorsi präsentiert das SHV

>> zum Artikel

miss_vdr architektur goes messe wien
14.02.2014

Bei der Wohnen und Energie Messe wurde der IG-Architektur Stand auch von miss-vdr architektur betreut.

MPW_neue Fotos
03.02.2014

Ein neues Möbel ist fertiggestellt - eine von miss-vdr architektur entworfene Küche in Wien 1160. 

>> zum Projekt

SHV_ Beitrag auf baunetz.de
23.01.2014

Ein schöner Beitrag zum Sullner Haus auf der Plattform baunetz.de

Alles Gute für das Jahr 2014
24.12.2013

Wir wünschen frohe Weihnachten, schöne Feiertage und alles Gute für das Jahr 2014.
Ein herzliches Danke für die gemeinsame Zeit im letzten Jahr, wir freuen uns schon sehr auf spannende Projekte und tolle Ideen im neuen Jahr!

Berufspraktische Tage bei miss_vdr architektur
25.10.2013

Im Rahmen der "Berufspraktischen Tage" hat David unser Büro in der Zirkusgasse kennengelernt. Vielleicht ein kleiner Beitrag für die Architekturvermittlung. 

SHV_die neuen Bilder sind da
23.07.2013

Photograph Severin Wurnig hat das Sullner Haus abgelichtet.

>> zum Projekt

* * * WELCOME BACK * * *
05.07.2013

Das Warten hat sich gelohnt.
miss-vdr ist zwar in der interaktiven Welt etwas untergetaucht,
aber wir haben nicht geschlafen. Fotos und Berichte unserer Projekte
wollen wir Euch jetzt nicht mehr länger vorenthalten. Viel Spaß beim
Besuch unserer neuen Webpage.

>> zu den Projekten

WUL_Baumeisterarbeiten sind fertig
03.07.2013

Die Wohnung erstrahlt in neuem Glanz.
Estrich, Türen, Wände neu.
Jetzt geht es an die Möbelplanung.

SHV_Fotoshooting
01.06.2013

Das Sullner Haus steht Modell für den Fotographen Severin Wurnig.
Hier ein Einblick in das Fotoshooting. Die neuen Bilder sind bald
online zu sehen.

>> zum Projekt

OOB_movie online
20.04.2013

Come to watch the movie.
Der Film zeigt, wie wir an das Thema "Informationsdesign nach Otto Neurath"
herangegangen sind. Die Aktion fand im Jänner 2013 statt.
Besten Dank an alle Mitwirkenden.

>> zum Projekt

* * * 19.4.-21.4.13 ATELIERRUNDGANG Q202 ***
15.04.2013

Ihr Lieben,

vom 19.4.-21.4.2013 findet das Q202 statt.
In diesem Rahmen hat unter anderem auch unser
Atelier - das Kollektiv Zirkus - Freitag bis Sonntag
von 14.00 - 21.00 geöffnet. Rundgangspläne liegen
bei uns im Atelier auf.

auf Euren Besuch freuen sich

Matthäa, Theresa und Julia von miss-vdr
und das Kollektiv Zirkus

SHV_Fertigstellung
19.02.2013

Unsere Bauherren sind eingezogen
und freuen sich über ihr neues
Heim

>> zum Projekt

* * * WEIHNACHTSGRÜSSE * * *
19.12.2012

miss-vdr wünscht
frohe Weihnachten und einen
guten Start ins neue Jahr.

ZGW_Ateliereröffnung
03.04.2012

Ein Jahr lang wurde erst geplant und dann gebaut.
Am 13.April 2012 wurde gefeiert.
Mit Speis und Tank, mit guter Musik und vielen Gästen.

>> zum Projekt

Interview mit Ursula Hofbauer über Role Models, urbane Praktiken und die Teilhabe am öffentlichen Raum
..

Theresa Häfele im Gespräch mit Ursula Hofbauer über Role Models, urbane Praktiken und die Teilhabe am öffentlichen Raum.

TH: Die Frage nach deiner Tätigkeit … was hast du vorher gemacht?
UH: Ich habe ewig studiert, nicht unbedingt weil ich nebenbei im Architekturbereich so viel gearbeitet habe, vielmehr weil es mich in alle möglichen anderen Projekte getrieben hat: Radio machen z. B. und solche Dinge. 1996 habe ich Diplom gemacht und dann hatte ich schon das Bedürfnis in der Architektur tätig zu werden. So: Wenn ich das schon hinter mich gebracht habe – das war ja kein geringer Aufwand –, dann möchte ich auch den Betrieb von innen sehen. Ich habe relativ lange Arbeit gesucht und bin dann für ein Jahr auf einem wenig anspruchsvollen Job als CAD-Zeichnerin hängen geblieben. Das Klima im Büro war nicht gut, es wurde viel geschrien und ich dachte: Das brauche ich jetzt auch nicht unbedingt. Danach habe ich zwei Jahre in einer Gebietsbetreuung gearbeitet, das war auch nicht sehr befriedigend. Ich habe einmal bilanziert, was wir für einen Impact in der Wirklichkeit hatten - und das ist nicht sehr positiv ausgefallen. Was ich da geschafft habe, war eine Dame zu empowern, ein Elektro-Problem in ihrer Wohnung selbst zu lösen, sie hat den Stecker für den Fernseher dann mit meiner Unterstützung gefunden und eingesteckt (lacht). Naja ... ansonsten ... ja wir haben kleine Spielplätze ausgestattet, auf irgendwelchen Restflächen, die vom Verkehr übergeblieben sind. Die Idee, die ich hatte, dass es möglich wäre in der Stadt eine Wirkung zu entfalten, das hat sich in der Realität nicht abgebildet. Es hat mir dann auch keinen Spaß mehr gemacht.
Darauf habe ich noch zwei Jahre für eine Architektin gearbeitet, die wunderschöne Dachgeschoßausbauten gemacht hat, ästhetisch war das genau mein Ding, aber dann wurde dort auch wieder viel geschrien. 2004 habe ich eine kleine Erbschaft gemacht und mir gedacht: Das muss ich jetzt nicht mehr tun. Bin da irgendwie rausgedropt. Damals hat sich das gut angefühlt … ich meine, ich habe dann nicht gar nichts mehr gemacht, ich habe schon immer wieder kleinere Arbeiten und Projekte angenommen, wenn ich das Gefühl hatte, das macht mir jetzt Spaß. Zwei- oder dreimal, ein paar Monate lang, und wenn es nicht gepasst hat, musste ich nicht. Teilweise hat sich das gut angefühlt. Endlich wieder Zeit zu haben, zu lesen – was ich die acht Jahre zuvor nicht wirklich hatte, wegen Dauerstress. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass es am Ende vielleicht doch keine gute Idee war. Im letzten Jahr habe ich die Ziviltechnikerprüfung gemacht, die KollegInnen waren im Schnitt alle zehn Jahre jünger als ich, manche noch jünger. Jetzt bin ich fünfzig und das ist schon ein bisschen verrückt, in diesem Alter noch ein Büro zu starten. Ich habe das trotzdem gemacht: Ich habe die Befugnis aufrecht gemeldet, vor vierzehn Tagen. Ich habe zwei ganz kleine Projekte, die der Anlass waren, das zu tun. Ich möchte das, möchte jetzt wieder planen und nicht in der Mechatronik stecken bleiben, in der ich momentan bin, die aber nicht meine Herzensangelegenheit ist. Das ist so in etwa meine Flash-Biographie, die gut zu diesem weiblichen Thema passt.

Wobei ich jetzt wirklich sagen muss: Es hat mich nicht raus gedrängt weil es gläserne Decken gab - oder vielleicht schon, aber sehr subtil? Sondern weil ich regelmäßig das Gefühl hatte: Hier möchte ich nicht weiter machen. Natürlich hat es in dieser Situation immer die Möglichkeit gegeben mich in eine Kampfposition zu stellen und zu versuchen das irgendwie durchzudrücken. Ich habe einfach irgendwann einmal entschieden, das nicht zu wollen, weil das Leben mir zu schade war dafür: Jahrelang durch ein Büro zu latschen, in dem es ein schlechtes Klima gibt und dann vielleicht irgendwann in diesem schlechten Klima eine bessere Position zu haben. 

TH: Du meinst mehr Verantwortung zu bekommen und die Projektleitung für große Projekte zu übernehmen? Hätte es das einmal als Chance gegeben? Als Möglichkeit? 
UH: Wie gesagt, wäre ich kampfbereiter gewesen, wahrscheinlich schon. Das erste Büro, von dem ich damals weggegangen bin, die waren so zufrieden mit der Situation, wie sie war, die wollten keine Änderung. Innerhalb kürzester Zeit war ich für den Server zuständig, die ganzen Computergeschichten, weil ich die einzige war, die sich damit ausgekannt hat. Im Grunde sind das alles Learning-by-doing-Geschichten, die nichts mit Architektur zu tun hatten, aber niemand hätte ernsthaft in Erwägung gezogen mich da abzuziehen, weil das war ja so praktisch, dass ich das gemacht habe. Es war klar, dass da nichts passieren würde, in Richtung Projektleitung. 

TH: Und du hast auf der TU studiert? 
UH: Ich habe auf der TU studiert … 

TH: Was ist deine Herzensangelegenheit? Was ist dein inhaltlicher Focus?
UH: Der öffentliche Raum. Als ich von der Architektur weggegangen bin, habe ich mich dorthin - aber mehr auf der künstlerischen Ebene - hinbegeben. Gemeinsam mit Friedemann Derschmidt, der das (Permanent Breakfast) eigentlich erfunden hat. Fünfzehn Jahre haben wir sehr viel gemeinsam gemacht, wir haben diese Breakfasts gemacht  – er hat das zehn Jahre und ich fünf Jahre gemeinsam betrieben. – Irgendwann ist einfach der Pepp draußen, nach so langer Zeit. Aber es poppt immer wieder auf, zu bestimmten Anlässen gehen wir immer noch in den öffentlichen Raum, stellen dort einen Frühstückstisch auf, bringen Kaffee und Semmeln mit und fangen an mit den Menschen zu reden. Das ist ein sehr freundliches Instrument um im öffentlichen Raum tätig zu werden, es ist sehr niederschwellig, Leute kommen gerne, setzen sich hin; auch Leute, die für andere Projekte nicht ansprechbar wären. Sich auf einen Kaffee hinzusetzen und ein paar Semmeln zu essen, das geht meistens gut, auch mit älteren Menschen, auch mit Menschen, die das normalerweise nicht machen würden. Das stellt sich immer wieder als gutes Instrument heraus. Ich habe aber z.B. auch im Prater für eine Ausstellung Bodenbeschriftungen gemacht: Eine Linie, die dann quasi durch diese Ausstellung geführt hat, die bei verschiedenen Prater-Buden Stationen hatte. Ich habe auch gemeinsam mit Parrhesia, das ist eine israelische Künstlergruppe, mit Israelis und Palästinensern, im öffentlichen Raum, im 20. Bezirk, dreisprachige Beschriftungen gemacht. Das sind natürlich sehr schnelle Instrumente, anders als das Bauen, mit seinem großen finanziellen Volumen, wo man erst mal wissen muss, wo man das herbekommt; wo die Situation der öffentlichen Hand immer prekärer wird, Investitionen gar nicht mehr so leicht möglich sind. Diese künstlerischen Interventionen gehen schnell und bewirken auch was. Das hat sehr viel Spaß gemacht, aber auch da gibt es natürlich irgendwann einen Punkt, wo man sagt: Der Raum, in seiner Benutzbarkeit, wird dadurch auch nicht wirklich nachhaltig und langfristig verbessert.

TH: Dann arbeitest du in Netzwerken? Wie wichtig ist ein Netzwerk und wie haben sich diese Zusammenarbeiten, Kooperationen ergeben? Für diese Projekte.
UH: Man war halt befreundet.

TH: Von Uni-Zeiten? Oder waren das Plattformen? 
UH: Ja. Den Friedemann kenne ich über gewisse Universitätskooperationen. Ich war auf der TU tätig; er war auf der Hochschülerschaft auf der Angewandten. Man kannte Gesichter und Namen, aber im Grunde gibt es auch viele Gesichter und Namen, mit denen ich nicht gemeinsam gearbeitet habe, mit denen ich nicht befreundet war. Irgendwie kennt man sich, es gibt einen Draht, eine gemeinsame Art auf die Welt zu schauen. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit gibt es natürlich auch Dinge, die man nicht so mag und Dinge, die nicht gut funktionieren. Aber ich würde ihn bei vielen Dingen bitten, sich das gemeinsam anzuschauen; es gibt eine Verständigungsebene – und die gab es auch früher schon –, die man sich nicht mühsam erarbeiten muss. Man kennt dann auch die blinden Flecken des Anderen. Da ergänzt man sich auch.


TH: Dein Steckenpferd ist: Menschen und öffentlicher Raum ... Wie wichtig ist für dich das Entwerferische? Das Gestalten von Raum, von Lebensumwelt?
UH: Ja, sehr wichtig. Ich habe jahrelang Vorlesungen besucht, die mich interessiert haben. Natürlich, als ich studiert habe, war das mit der Partizipation etwas, was gerade aufgepoppt ist, was man unbedingt wollte, und man hat darunter gelitten, dass man eigentlich keinen soziologischen Zugang dazu kannte. Ein wenig habe ich das Gefühl, das Pendel schlägt gerade in die andere Richtung aus: Das Einzige, was noch vorgeschlagen werden darf und überhaupt noch möglich ist, sind Workshops mit den BewohnerInnen und BenutzerInnen. Jetzt darf man nur noch Soziologie machen und nichts mehr planen. Der Raum, der mich momentan wieder beschäftigt oder schon sehr lange beschäftigt, ist die Brünner-Straße, hier im 21. Bezirk. Man wird die Probleme, die es hier gibt, wahrscheinlich nicht lösen können, wenn man einfach nur viele Bürgerversammlungen macht und viele Ideen sammelt, die die Leute dazu haben. Oft haben die überhaupt keine Ideen dazu, weil der Raum derartig devastiert ist, dass es einen anderen Blick darauf braucht, der auf einem anderen Maßstab basiert als der, den man im Alltag hat. Das heißt - natürlich ist es wichtig, Menschen einzubinden, ja wirklich einzubinden in den Prozess und nicht nur pro forma zu befragen. Aber an einem Punkt wird es an einen Fachmann oder eine Fachfrau übergehen müssen, der oder die dann gestaltet … mit diesen Vorgaben, die man im Prozess oder begleitend dazu findet.
Natürlich ist das etwas, was ich hier gerne tun würde. Das Problem ist, dass das momentan weit weg von jeder realen Möglichkeit ist. Es gibt jetzt eine Arbeitsgruppe, die am 21. oder 29. zum ersten Mal tagt, die von der Bezirksvorstehung ausgerufen wurde und zu der ich mich gemeldet habe. Ich werde dort hingehen und schauen, was passiert. Meine Befürchtung ist, dass man eher darüber reden wird, wo man noch drei Blumentöpfe aufstellen kann, als über die grundsätzlichen Möglichkeiten, den öffentlichen Raum auszuweiten, denn wo das Budget dafür herkommen soll, weiß man nicht. Das ist auch etwas, was wir als PlanerInnen durchaus im Blick haben, dass das "Zu-klein-gedacht“ durchaus einen politischen Rahmen hat und warum ist das so, dass wir so klein denken müssen? Jemand, der hier einfach nur wohnt und mit diesen Fragen noch nie etwas zu tun hatte, kann durchaus auch Wünsche und Bedürfnisse aussprechen. Aber die Grenzen auszuloten, wo man auch irgendwann sagen muss: Diese drei Blumentöpfe sind ein schlechter Witz, es muss eine andere Ebene geben, damit umzugehen; ich glaube, das gehört auch unbedingt zu unserem Job.

TH: Das ist leider oft so: Entweder man ist Teil einer großen Institution oder man hat Leute, einen Bildungsapparat hinter sich … oder hat Referenzen … wie man diesen Einstieg auch schafft; dass man Gehör findet und die fachlichen Kompetenzen auch einsetzen kann ... –  Was sind da die Erfolgsstrategien? Ist es Netzwerken? Was sind deine Strategien? 
UH: Das ist eine gute Frage. Darüber rätsle ich momentan und denke viel darüber nach, was es sein könnte. Ich weiß es eigentlich nicht, es gerade unheimlich schwierig. Weil so kleinere Aufgaben bekomme ich ja jetzt: im Bekanntenkreis was tun, ein Kleingartenwohnhaus zu machen oder: Wir haben ein Haus gekauft, komm und schau, was man da machen kann. Bei diesen Wohnobjekten zu arbeiten, das passiert schon; also die Freunde, die sind ja jetzt auch in diesem Alter, wo man sich schon ein bisschen was leisten kann, etwas zu verändern, zu sanieren, zu kaufen, zu verbessern. Aber das ist natürlich genau nicht die Arbeit, wie draußen, im öffentlichen Raum.
Im Moment balanciere ich zwischen einer Mechatronik-Firma und dem eben gestarteten Architekturbüro, da muss ich sehen, wie ich mir die Zeit dafür organisiere. –  Ich gehe auch zu diesen Mentoring-Programmen; da gab es z.B. diesen Architektur-Wettbewerb-Vortrag, diese Diskussion war wirklich sehr erhellend, dass man das nicht nur macht, um zu gewinnen, sondern auch um wahrgenommen zu werden, als Player oder Playerin wahrgenommen zu werden. Das finde ich grundvernünftig und ich glaube auch, dass es gut investierte Zeit ist, trotzdem muss man das alles organisieren. 

TH: Was erlebst du für Hürden in deinem Arbeitsalltag oder in deinem Werdegang. Hast du Hürden erlebt, wo du sagst: Das war jetzt genderspezifisch … Wo, im Studium? Ich habe jetzt schon mit Studentinnen geredet –  die nehmen das jetzt noch gar nicht so wahr; die haben das Gefühl: Sie werden gut gehört und sind „gleichauf“ und haben alle Chancen und Möglichkeiten … 
UH: Ich habe schon für zwei Architektinnen gearbeitet bzw. bei der einen war es ein Paar, aber sie hat den Laden geschupft und er hat irgendwelche Skizzen in der Kammer gemacht, die für wichtig empfunden wurden, aber in Wirklichkeit völlig egal waren. Und das war, glaube ich, sehr gut für mich, weil ich gesehen habe, wie sie die Dinge auf der Baustelle organisiert –  ich hatte sozusagen diese beiden Role-Models … wobei … vielleicht ist es bei jedem Role-Model so, dass man irgendwann einmal sagt: Okay, das sind jetzt auch Dinge, die ich so nicht machen möchte. Im zweiten Fall gab es z.B. oft eine große Aufgeregtheit über alles Mögliche … die jeden Tag zu großen Aufregungen geführt hat, die ich wirklich abschreckend gefunden habe. Das war, glaube ich, sicher einer der Gründe, warum ich mich so lange nicht entschließen konnte, die Ziviltechniker-Prüfung zu machen, weil ich mir gedacht habe: So möchte ich nicht werden. Die Bürostruktur ist sehr klein in Wien und man übernimmt viel Verantwortung mit so einem kleinen Büro. Aber wenn man dann schlecht davon schläft, Magengeschwüre bekommt und die Mitarbeiterinnen anschreit … dann sage ich mir: Ich möchte meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht anschreien müssen, weil ich schon so nervös bin … Ja, da einzusteigen und sich zu sagen: Okay, vielleicht kann ich es auch anders machen, hat einigen Anlauf gebraucht, zehn Jahre Anlauf in Wirklichkeit. Auf der anderen Seite war das z.B. auf der Baustelle nie Thema, was weiß ich, sexistische Rede oder dass ich nicht ernst genommen wurde. In Wahrheit war es so, dass die Chefinnen das im Voraus schon planiert hatten … und ja, dann hätte sich niemand getraut mir gegenüber sexistisch zu sein, weil klar war, dass es den Chefinnen gegenüber auch ein Affront gewesen wäre. Ja, aber was ich zum Beispiel nie gekriegt habe, war eine Verantwortung für die Baustelle. Da musste dann doch immer ein Mann her. Das war eine Hürde, an der kam ich auch bei den Architektinnen nicht vorbei.
Ansonsten Hindernisse? Naja, ich glaube, es spielt ja immer beides eine Rolle. Auf der einen Seite legt uns die Welt Hindernisse in den Weg, auf der anderen Seite erlebe ich jetzt auch –  nicht nur in der Architektur – : Es ist einfach immer noch ungewöhnlich, dass Frauen die Führung übernehmen und viele trauen sich auch nicht. Es gibt auch viele, die diese Verantwortung einfach nicht übernehmen wollen. Dadurch werden sich die Dinge am Ende nicht bessern, so lange wir nicht reinbeißen und sagen: Ja gut, da muss man sich überwinden. Da gibt es jetzt einmal dreißig Tage, wo man schlecht schläft und das gibt sich dann wieder. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich mich auch selber behindert, indem ich gesagt habe: Na gut, ich mache es mir jetzt leicht und weiche irgendwohin aus, wo es angenehmer und bequemer ist und wo weniger Konflikte sind.

TH: Das hieße mehr Frauen in den Architektinnenberuf zu bringen bedeutet für die Frauen Verantwortung zu übernehmen? 
UH: Ja, ich glaube wirklich: Dass man einsteigt in die Verantwortung … ja, und zwar … nicht indem man die Augen fest auf die Kollegen und die Männer gepickt hat und sagt: Man muss jetzt alles so machen wie die, ja … Ha, warum kann ich das nicht? Und warum trau ich mich nicht? Sondern indem man einfach den eigenen Weg geht. Da ist man manchmal vorsichtiger; ich habe keine Lust rumzuschreien; oder es passiert mir vielleicht auch einmal … ist mir auch schon passiert, dass ich Leute angeschrien habe – manchmal verliert man halt die Nerven. Man muss dann hinterher auch nicht jahrelang grübeln und sagen: „Jetzt ist es halt passiert und es muss weitergehen.“ 

TH: Und welche Architektinnen haben dich in deiner Arbeit beeinflusst? Zuerst einmal: Welche kennst du auch?
UH: Hmm … in meiner Arbeit beeinflusst? Ich glaube, das ist jetzt generell eine schwierige Frage …

TH: Die beiden Arbeitgeberinnen von dir? 
UH: Da habe ich gesehen, wie man diese Alltagsgeschäfte gut – und ab einem gewissen Punkt auch wieder nicht so gut – über die Bühne bringt. In einem Business, wo es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen tätig sind. Die Architektur der ersten mochte ich eigentlich gar nicht  so. Da würde ich auch den Unterschied zwischen einer guten und einer erfolgreichen Architektin machen. Erfolgreich war sie sicher. Aber meinen Output stelle ich mir anders vor, das war auch einer der Gründe, warum ich gegangen bin. Wenn die Dinge schon mühsam sind, soll wenigstens am Ende etwas Schönes rauskommen. Die zweite hat mich schon beeinflusst  oder vielleicht habe ich eher gelernt, wie man von der Vorstellung zur Umsetzung gelangt. Was das Ästhetische anlangt, waren wir ziemlich auf einer Linie. Aber so große historische Vorbilder, wo ich sagen könnte: Ah, Schütte-Lihotzky, die habe ich mir angeguckt und die habe ich immer schon gemocht – natürlich habe ich sie mir angeguckt und natürlich habe ich sie gemocht – aber ich weiß nicht, ob das wirklich einen Impact darauf hatte, wie ich produziere? 

TH: Ich habe dich auch über den Jane’s-Walk kennengelernt und wie bist du auf den Jane’s-Walk gekommen?
UH: Das war über Andreas Lindinger, der das in Wien zum zweiten oder dritten Mal organisiert hat. Ich kenne ihn aus meinem erweiterten Netzwerk und wir haben uns auch immer wieder irgendwo getroffen. Die Idee fand ich großartig. Die Jane’s-Walks waren nicht meine einzigen Spaziergänge in der Stadt. Ich habe immer wieder mal welche gemacht, zu verschiedenen Themen: Vor zehn Jahren bin ich schon spazieren gegangen – vom Riesenrad zum Millennium-Tower – habe dort auch die Gender-Relevanz dieser Landmarks bzw. Wahrzeichen angeschaut. Aber ich fand es super, dass er das mit so viel Nachdruck betrieben hat, das herzubringen und es ist mir im Grunde egal, unter welchem Titel ich spazieren gehe. Er hat das gut beworben, so dass wirklich Leute kommen, denn ich bin auch schon früher in Floridsdorf spazieren gegangen, auch die Brünnerstraße entlang, das ist schwierig: Beim zweiten Termin, den ich angesetzt hatte, kam niemand mehr. Ich war dann positiv überrascht, dass beide Jane's Walks in Floridsdorf gut besucht waren, es ist eben auch gut beworben auf der Homepage. Es gibt auch andere Gegenden hier draußen, durch die ich gern einmal gehen würde, z.B. eine sehr spannende 50-er-Jahre-Siedlung, ein paar Meter von hier entfernt, wo ich mir denke: Wenn wir über Einfach-Bauen reden, dann muss man sich das anschauen, muss man das kennenlernen. So unaufgeregt, auch auf Grund der ökonomisch prekären Lage dieser Zeit entstanden, von der Qualität der Räume und der Häuser, wirklich großartig. Und es ist ein guter Vergleichspunkt für alles was nachher gekommen ist, direkt gegenüber dann die Siedlungen, wo es nur noch um Parkplätze für Autos ging in der Freiraumgestaltung. Da möchte ich gerne mit einem interessierten Publikum zu Fuß durch gehen. Aber wie gesagt, das ist immer so eine Sache: es ist wirklich schwierig Leute hier nach Floridsdorf zu bekommen. Da ist es gut einen Transporter zu haben, wo ich mich draufsetzen kann, wie die Jane's Walks.

TH: Jane’s Walk, der ja auf Jane Jacobs zurückgeht, die dieser Praxis der Stadtbeobachtung durch das gemeinsame Spazierengehen ihren Namen gegeben hat. Darf das jeder machen –  oder: Was sind die Maximen? 
UH: Bei der Walk21-Konferenz in Wien habe ich Denise Pinto getroffen, quasi die Cheforganisatorin der weltweiten Jane's Walks. Die hat eigentlich eher dazu geraten Walks nicht selber zu leiten, sondern andere BewohnerInnen und NutzerInnen zu finden, die das machen könnten. Ich habe leider für die Brünner Straße niemanden gefunden und hab es dann halt doch selbst gemacht. Aber die Idee ist nicht die große, weise Erklärerin zu sein, die die Wunderstraße herzeigt. Sondern Menschen zu finden, die hier wohnen und ihr Grätzel, ihre Lebensumgebung herzeigen. Eine Idee wäre auch, öfter zu gehen und sich gegenseitig das Grätzel zu zeigen, in dem man lebt, und darüber ins Gespräch zu kommen. Was ich auch wirklich sehr mag und sehr charmant finde: Dass es nicht den Druck gibt, etwas schlecht oder gut finden zu müssen oder zu einem Ergebnis kommen zu müssen, was hier alles anders werden kann. Sondern sich das mit einer gewissen Gelassenheit anzusehen, Dinge zu sehen, die man noch nicht gesehen hat, obwohl man da schon hundertmal durchgegangen ist. Das kann jeder machen und ich glaube, es ist nicht einmal notwendig, an dem Ort zu wohnen; es ist einfach ein Raum, den man benutzt oder an dem man interessiert ist.

TH: Dass Beteiligte über ihre Nachbarschaft erzählen und führen?
UH: Genau. Bei dem ersten Walk –  du warst ja beim zweiten? –  hatte ich einen Super-Experten mit dabei, der alles, absolut alles, über die Geschichte Floridsdorfs weiß. Das hat sich durchaus als Bumerang erwiesen. Einerseits war es ziemlich spannend, so viele Dinge zu erfahren, auf der anderen Seite kippt das dann, wenn alle warten, was er an der nächsten Ecke erzählt. Das war auch nicht zu stoppen, wir waren über vier Stunden unterwegs und die Leute waren am Ende wirklich erschöpft. Dieses Gespräch, um das es eigentlich geht, dass man miteinander redet, dass immer zwei Leute sich im Gehen gegenseitig was erzählen, nicht alle dem einen Wissenden zuhören, das ging verloren. Es war dann eher eine klassische Führung, wo man etwas gezeigt bekommt. Und so sollte es eigentlich nicht sein.

TH: Du hast schon Kanada erwähnt, wo dieses Netzwerk gegründet wurde und wir spazieren in Wien und eine Freundin von mir hat beim Jane’s Walk in Barcelona teilgenommen –  also ist es eine sehr weit verbreitete Praxis?
UH: Ja, ich glaube, es gibt auch Veranstaltungen über das Jane’s-Walk-Netzwerk und nicht ausschließlich Spaziergänge, aber im Wesentlichen ist es eine Home-Page, wo man seinen Walk eintragen kann. Das finde ich aber super, weil es quasi eine „Brand“ ist. Leute kennen zunehmend die Idee, um was es geht - und wie gesagt: Ich finde es einen Super-Transporter, um Menschen zu erreichen, die mitgehen wollen. Hier draußen ist tatsächlich das Problem: Wie komme ich an die Leute heran, die hier wohnen? Es waren schon auch Floridsdorfer da, bei diesen Spaziergängen, aber nicht viele. In der Mehrheit waren es Leute, die sich für Stadt oder Stadtplanung interessieren, die aber nicht hier wohnen. Toll wäre, wenn man wirklich mit den Menschen spazieren gehen könnte, die entlang der Brünner-Straße oder in dem Grätzel wohnen.

TH: Dahinter steckt oft ja auch ein politischer Wille, was zu ändern. War das Anliegen von dir auch politisch? Dass sich vielleicht auch Communities bilden, die bestimmte Interessen vertreten? 
UH: Ja, natürlich. Man bleibt nicht stecken und denkt: So, jetzt sind wir spazieren gegangen und dann gehen alle nach Hause und nichts hat sich geändert. Trotzdem finde ich es gut, wie beim öffentlichen Breakfast, ein harmloses Mittel zu haben – jetzt nicht als Fliegenfängerei –, sondern ohne ein Druckmittel beim Betrachten des Raumes. Ich glaube, dass es wirklich die Beschäftigung mit dem Raum erleichtert, wenn man nicht ununterbrochen auf der Suche nach Fehlern oder Dingen sein muss, die ganz schnell anders werden sollen. Das birgt auch die Gefahr, zu sagen: Ja, jetzt hat man den Fehler gefunden! Aha, und verändert das und kommt dann darauf: Eigentlich ist nichts besser geworden, denn irgendein Problem, das man nicht in den Blick gekriegt hat, ist immer noch da. 

TH: Und das sind dann auch eigentlich ehrenamtliche Sachen: diese Urbanen Strategien - sagen wir einmal so –  eben zusammen ein Breakfast und Jane’s Walk …
Die „Permanent Breakfast Grenzauflösungstour“, die wir gemacht haben, als Tschechien, Ungarn und die Slowakei zur EU gekommen sind, da haben wir – an einem tschechischen, einem österreichischen, einem tschechischen, einem österreichischen Ort – im Zick-Zack-System gefrühstückt; dafür gab es Förderungen. Die waren nicht wahnsinnig toll, haben im Wesentlichen nur sichergestellt, dass wir die Semmeln kaufen konnten und das Benzin, um dorthin zu fahren. Bezahlung würde ich das nicht nennen wollen; aber ja, dafür gab es Förderungen. Es war natürlich auch Aufwand diesen Antrag zu schreiben, der Antrag für Ungarn ist abgelehnt worden – wir hatten dort schon mit den Bürgermeistern alles vereinbart gehabt: Wir kommen! Ja, und was machen wir jetzt? Fährt man nicht hin, weil man das Geld nicht bekommen hat? Ja, diese Dinge sind ehrenamtlich, auch wenn ich jetzt am 29. November zu diesem Arbeitskreis gehen werde, wo es um die Frage geht, was im öffentlichen Raum, in der Umgebung passieren kann, ist das natürlich auch unbezahlt. Ad hoc ist das nicht so ärgerlich, weil ich ja auch eine Bezirksbewohnerin wie alle anderen bin und Wünsche und Interessen habe, was passieren soll. Was ich aber schon ärgerlich fände: Wenn das der Endpunkt der Dinge ist und niemand – also nicht ich persönlich, sondern niemand – einen Auftrag bekommt, zu einem Standort zu arbeiten. Da bin ich mittlerweile wirklich allergisch auf diese Studentenprojekte, die in den Bezirken besonders beliebt sind – was mich nicht wundert. Die Studenten kriegen irgendeine Aufgabe auf der TU, sind dann drei Wochen da und das wird dann präsentiert und vom Bezirk gefeiert, als ob das etwas ganz Großartiges wäre. Ich habe mir einmal diese Arbeiten bei der Ergebnispräsentation angeschaut, letztes oder vorletztes Jahr, die zu diesem Einkaufszentrum waren und bin, ehrlich gesagt, ein bisschen verfallen: Jetzt feiert man das und es wird nichts davon, absolut nichts davon jemals kommen. Da sind Dinge dabei, die schon vor zwanzig Jahren genauso diskutiert wurden und nichts ist passiert. Wenn man das eine Zeit lang beobachtet, kann man es eigentlich nur noch Verarschung nennen. Einerseits der Studenten, denen da vorgeführt wird, was sie für einen wertvollen Beitrag leisten, und irgendwann lernen sie, dass das nicht so ist und dass die KollegInnen der nächsten Generation mit dem gleichen Enthusiasmus die gleichen Ideen wieder produzieren, die wieder im Papierkorb landen werden. Aber auch gegenüber den Leuten, die hier wohnen, denen man vorgaukelt, es würde jetzt etwas passieren und in Wirklichkeit passiert nichts. Das macht mich mittlerweile auch böse, ehrenamtliches Engagement auf der einen Seite, finde ich okay, aber das auf eine Art und Weise auszunutzen, propagandistisch, die nur kaschiert, dass nichts passiert, das ist noch einmal eine andere Qualität, die ich furchtbar finde.

TH: Während deines Studiums … also man kriegt ja in der Architektur-Theorie immer diese Stars aus der Architekturgeschichte vorgesetzt … Waren da schon Frauen dabei? 
UH: Wir haben das damals selbst gemacht, diese Veranstaltung, das ist schon so lange her, weiß nicht mehr genau, wen wir da allen eingeladen haben, Philosophinnen und Architektinnen, acht Frauen. Das war eine der ersten Vortragsgeschichten, die wir organisiert haben, die überhaupt auf der Fachschaft organisiert wurde. Woran ich mich erinnere, dass wir die Elsa Prohaska eingeladen hatten zum Vortrag. Und die hatte zwar schon gebaut, war aber noch keine Architektin, Ziviltechnikerin, Kammermitglied... Und irgendwann ist die Inge Manka gekommen, die das maßgeblich mit organisiert hat, und hat gesagt: Jetzt hat die Architektenkammer angerufen, die haben sie total niedergebügelt inklusive Klagsandrohung, weil wir die Elsa Prohaska mit einem Arch. davor auf das Plakat geschrieben hatten - und sie das damals eben noch nicht war. Da waren wir erstmal sprachlos. Also man hat uns nicht einfach gesagt, dass wir das nicht mehr machen sollen, man hat uns als Veranstalterinnen deswegen mit einer Klage gedroht seitens der Kammer.

Wir haben das neulich bei einem Mentoring-Abend in der Kammer mal mit Nina Krämer-Pölkhofer besprochen, dass die Kammer das wohl zum Glück nicht mehr so macht, dass sie Menschen mit Drohungen nachstellt, die den Titel Architekt oder Architektin unbefugt verwenden. Das kann man jetzt vielleicht auch als Nachlässigkeit einer Interessensvertretung verstehen, aber ich persönlich bin schon ganz froh, dass wir jetzt keine jungen Menschen mehr erschrecken, auf diese Weise abschrecken. Ich weiß auch nicht, ob ich so gerne Mitglied einer Kammer gewesen wäre, die so etwas macht, dann also quasi in meinem Namen so verfährt. Ich höre auch oft, dass sich das Klima diesbezüglich erst in jüngster Zeit schon verbessert haben soll. Vielleicht ist das ja jetzt auch erst der Zeitpunkt, wo ich es für mich überhaupt verantworten kann, Mitglied in diesem Club zu sein.

Ursula Hofbauer ist Künstlerin und Architektin in Wien, hat in verschiedenen Kunst- und Ausstellungsprojekten im und mit dem öffentlichen Raum gearbeitet, unter anderem mit der israelisch/palästinensischen Künster/innengruppe Parrhesia mit dreisprachigen Graffiti rund um den Gaußplatz; „Strange Views“, Ausstellung zu den Völkerschauen im Wiener Prater mit Bodenbeschriftung; „Permanent Breakfast“, das immerwährende Frühstück im öffentlichen Raum; Weinverkostung mit Obdachlosen unter der Schwedenbrücke; mehrere Kunstprojekte mit Flüchtlingen im Mumok und in der Secession; Vorträge, Publikationen und Stadtspaziergänge zu „Permanent Breakfast“, Gender und öffentlichem Raum und Wiener Wahrzeichen. Widmet sich Fragen des öffentlichen Raums, seiner demokratischen Nutzung und Aneignung und der daraus resultierenden Gestaltung.

Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

Theresa Häfele_Wien_ 2017